Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

 

Schleichers letztes Gefecht.

General Kurt von Schleicher war nicht nur der letzte Reichskanzler vor Hitlers Ernennung zum Regierungschef, er hatte auch den Mut, den Willen und ein praktikables Konzept die NSDAP zu zerschlagen. Sein Vorbild denunziert das armselige Verhalten der politischen Parteien, Gewerkschaften und demokratischen Milizen seiner Zeit; für viele Grund genug, ihn bis heute zu diffamieren.

Vorspiel.

Im November 1917 erwägt Kaiser Wilhelm II., fast aller politischer Befugnisse beraubt, sein letztes ihm verbliebenes Mittel, den Oberbefehl über die Reichswehr zum Erhalt der Dynastie einzusetzen. Paul von Hindenburg verweigerte sich dem Kaiser und Groener sagte, wenn jemand die Armee zurück nach Berlin führe, so die Generäle und nicht der Kaiser [1] . Hindenburg veranlaßt Kaiser Wilhelm II. sich in die Niederlande abzusetzen und biederte sich den neuen Herren damit an, das deutsche Heer in den Dienst der Republik zu stellen.

Durch Aufrechterhaltung der Hungerblockade zwingt England Deutschland zur Unterschrift unter den Versailler Vertrag, d.h.: man unterschrieb,

Hindenburg war rechtzeitig dem Blickfeld der Öffentlichkeit entschwunden.

1922. Außenminister Walther Rathenau erschließt der Wehrmacht, der deutschen Industrie und dem gesamten Deutschen Reich mit dem Abschluß des Vertrages von Rapallo, der den Grundstein der künftigen Beziehungen zu Sowjet-Rußland darstellte, neue Möglichkeiten. Wen wundert es, daß Rathenau wenig später ermordet wurde? Der Vertrag überlebte bis 1933.

1924 einigt man sich in Den Haag auf den Dawes-Plan. Der Dawes Plan gewährt Deutschland Kredite die zur Zahlung der Reparationen an die Siegermächte verwendet werden. Mit dabei Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht. Die Umsetzung des Dawes-Plan hätte der Reichsbank ein enormes Gewicht auf nationalem wie internationalem Gebiet ermöglicht. Die von Deutschland zu leistenden Reparationszahlungen landeten auf dem vom Reparationsagenten angelegten Konto der Reichsbank. Bei ausgeglichenem Staatshaushalt konnte ein erheblicher Teil der Gelder in Deutschland reinvestiert werden [2].

Schlagt Hitler! Darum wählt Hindenburg!

1925 wird Hindenburg zum Reichspräsident gewählt.

1929/30 trifft Deutschland die Finanzkrise. Der sozialdemokratische Reichskanzler Müller wird nach Vorlage eines Gesetzentwurfes zur Reformierung der Finanzen von den Sozialdemokraten gestürzt. Seine Nachfolger Brüning regiert ohne Mehrheit im Reichstag mithilfe der vom Reichspräsidenten erlassenen Notverordnungen. Bis 1933 sollten über 100 Notverordnungen erlassen werden [3]. Damit wurde die besonders im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der deutschen Außenpolitik erforderliche Rechtssicherheit beseitigt, was die Wirtschaft störte; einmal ganz davon abgesehen daß diese Rechtsunsicherheit auch das Vertrauen der Deutschen in ihren Staat erschütterte.

Die Anbahnung der »nationalen« Regierung.

Hjalmar Schacht kehrt 1930 von einer Vortragsreise aus den Vereinigten Staaten zurück. Der mit ihm befreundete Bankdirektor von Stauß bring Schacht mit Göring zusammen. Vier Wochen später erhält Schacht eine Einladung von Göring Hitler zu treffen. Auf dem in Görings Berliner Wohnung in Schöneberg stattfindenden Treffen war neben Hitler auch Thyssen anwesend. Laut Schacht hatte die Atmosphäre nichts befremdliches. Hitler hielt einen Vortrag dessen zentrale Themen die Wiedererlangung außenpolitischer Gleichberechtigung und die Arbeitsbeschaffung waren. Schacht gibt an, von Hitlers Willen diese Themen - die wohl bei allen Parteien auf der Agenda standen - auch umzusetzen, beeindruckt gewesen zu sein.

Etwas später anfangs 1931 schlug Schacht dem damaligen Reichskanzler Brüning vor, die Nationalsozialisten an der Regierung zu beteiligen [4]. Hitler bestand zu der Zeit noch nicht auf der Kanzlerschaft und mit einer parlamentarischen Mehrheit für Brüning, hätte auch der Reichstag - der von den Hindenburgschen Notverordnungen ein Stück weit entmachtet wurde - seine gestalterischen Befugnisse zurückerlangen können. Doch Brüning wollte das nicht!

Am 11. Okt. 1931 versammelten sich nationale, nationalistische und nationalsozialistische Parteien, Verbände und Personen in Bad Harzburg, um dem Reichspräsidenten das Bild einer Geschlossenheit vorzugaukeln, das ihn vielleicht dazu bewegen konnte, endlich den Weg zur Bildung einer (von Teilen der, durch die katastrophale Wirtschaftspolitik Brünings beunruhigten Wirtschaft, geforderten) Regierung der nationalen Einheit, unter Einbeziehung der NSDAP, freizugeben. Auf Einladung der, das Treffen ausrichtenden, Deutschnationalen Partei (Hugenberg) nahm Hjalmar Schacht an der "Tagung" teil. Er nutzte das Forum zur Feststellung der wenig später eintretende Zahlungsunfähigkeit des Deutschen Reiches [5].

Am 10. April 1932 wird Hindenburg in seinem Amt bestätigt (Die SPD plakatierte damals: »Schlagt Hitler! Darum wählt Hindenburg!«).

Im April 1932 erteilt Hitler dem Ingenieur und Parteigenossen Wilhelm Keppler Order einen Kreis aus Wirtschaftsexperten (Keppler-Kreis =>) aufzubauen, deren Sachverstand notwendig sei, "wenn wir an die Macht kommen". Mit von der Partie waren u.a. Kurt Freiherr von Schröder und Hjalmar Schacht [6].

Am 13. Aug. 1932 empfängt Hindenburg Hitler =>, um ihm eine Regierungsbeteiligung nahezulegen.

Die bisher von Brüning betriebene Elendspolitik hatte, neben dem eigentlichen Ziel der Haushaltssanierung, den Zweck, mit Hinweis auf die katastrophale wirtschaftliche Lage, die Deutschland auferlegten Reparationsauflagen zu beseitigen...
 
Brüning: »Meine Methoden außenpolitischer Verhandlungen besteht überhaupt nicht darin, daß ich irgendwie als Bittender hingehen, sondern ich bereite eine wirtschaftliche Situation vor und komme erst dann mit dem, was ich [an] Wünschen auszusprechen habe [7].«
 
und einen autoritären Regierungsapparat zu schaffen [8]. Hindenburg hatte die ihm von der Verfassung gegebenen Rechte in einer Weise interpretiert, die es seinem Kanzler erlaubte Gesetze ohne Zustimmung des Reichstages zu verordnen [9].

Preußen, die Säule der Weimarer Demokratie wird gefällt.

Preußen wurde seit 1919 von der SPD regiert. Schon auf der Harzburger Tagung am 11.10.1931 betrachtete man die Übernahme der Macht in Preußen durch die nationalen Kräfte als notwendige Voraussetzung zur Übernahme der Macht im Reich [10]

Nach den Wahlen vom 24.04.1932, trotz enormer Gewinne der NSDAP reichte es nicht zum Sturz der sozialdemokratisch geführten Koalitionsregierung. Also verlangte Reichspräsident v. Hindenburg Reichskanzler Brüning (Zentrum) dazu auf, die Bildung einer von Zentrum und Nationalsozialisten getragenen preußische Regierung herbeizuführen [11]. Brüning hatte nun die Wahl gestürzt zu werden, da die SPD die ihm zugesicherte Duldung zurückzog (die Notverordnungen konnten dann vom Reichstag zurückgeweisen werden) oder gestürzt zu werden, weil er den Rückhalt des Reichspräsidenten verlor. Brüning weigerte sich die Bildung einer preuß. Koalitionsregierung Zentrum-NSDAP herbeizuführen und wurde von Hindenburg gestürzt.

Am 1. Juni 1932 wurde Franz von Papen zum Reichskanzler ernannt. Mithilfe einer Notverordnung ersetzt Franz v. Papen den demokratisch gewählten preuß. Ministerpräsident Otto Braun (SPD) am 20. Juli 1932 durch einen Reichskommissar (Preußenschlag).
In einem internen Papier benennt Papens Innenminister, der deutschnationale Freiherr von Gayl, die zwei wichtigsten innenpolitische Ziele:

»Die junge Bewegung Adolf Hitlers musste von den angelegten Fesseln befreit und zum erfolgreichen Kampf gegen den internationalen Kommunismus gestützt werden. Zweitens war der Gegensatz Reich/Preußen durch Beseitigung der Preußenregierung ein für allemal aus der Welt zu schaffen [12].«

Die am 31. Juli 1932 abgehaltenen Reichtsgawahlen brachten der NSDAP den, nach den Landtagswahlen, absehbaren Erfolg im Reich.

Papen stürzt über die Verkehrsbetriebe.

Im Oktober 1932 verordneten die Berliner Verkehrsbetriebe ihren 22000 Arbeiter und Angestellten eine Lohnsenkung von 2 Pfennigen die Stunde. Seit 1929 war der durchschnittliche Lohn von 220 RM auf 160 RM gefallen. In der Urabstimmung vom 2. Nov. 1932 sprachen sich 14471 Beschäftigte der BVG für einen Streik aus. Der zentralen Streikleitung gehörten Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO), Unorganisierte, sowie zwei Mitglieder der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) an. Gleichwohl der Streik beeindruckende Ausmaße annahm, blieb er ohne Erfolg [13].

Im Wehrministerium wurde aufgrund einer neuen Weisung, den Planspielen (Manöver) zum Einsatz von Heer und Marine gegen äußere Feinde, ein neues Planspiel hinzugefügt, den Einsatz des Heeres gegen Aufstände im Innern betreffend. Der Oberstleutnant in der Wehrmachtsabteilung Ott erarbeitete vor dem Hintergrund des BVG-Streiks ein solches Planspiel und kam zu dem Ergebnis: Die Armee ist nicht in der Lage, einen durch die Regierung provozierten Bürgerkrieg durchzustehen. Der Wehrminister Schleicher unterbreitete das Ergebis dem Kabinett und bewirkte damit den Sturz der Regierung von Papen, der nicht davon abließ, die Brüningsche Verelendungspolitik mithilfe seines Mentors Hindenburg fortzusetzen. Schleicher ließ deutlich werden, daß im Falle landesweiter Unruhen ein Regieren mithilfe der Notverordnungen an ihr Ende gekommen wäre. Es mußte ein Politikwechsel stattfinden [14].

Ebenfalls im Oktober 1932 wurde dem Reichspräsidenten v. Hindenburg ein von Schacht redigierter und von einer Reihe von Wirtschaftsvertretern unterzeichneter, Aufruf des Keppler-Kreises mit der Forderung, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, unterbreitet [15].

Am 6. Nov. 1932 fanden Neuwahlen statt. Die NSDAP erlitt eine herbe Niederlage und stellte im neuen Reichstag nur noch 196 anstelle der 230 Abgeordneten zuvor.

Hitler lehnt Regierungsauftrag ab.

Am 19. November 1932 erteilte Hindenburg Hitler einen Regierungsauftrag unter den Bedingungen: Die Mehrheit des Reichstages => hinter sich zu bringen, die Wirtschaftspolitik von Papens fortzusetzen, einen dem Reichspräsidenten genehmen Außen- und Wehrminister zu ernennen und ohne Notverordnungen zu regieren.
Hitler hat andere Pläne: Hindenburg soll den Reichstag auflösen und er Hitler sorge für eine 2/3 Mehrheit im neuen Reichstag, mit deren Hilfe ein Ermächtigungsgesetz beschlossen werden könne, das ihm präsidiale Vollmachten beschere und Hindenburg von der Last des Erteilens von Notverordnungen befreie [16].
Das gefiel dem Reichspräsidenten noch nicht, möglicherweise, weil die politischen Kräfte, die dagegen standen, noch zu mächtig waren.

Am 23. Nov. lehnt Hitler den Regierungsauftrag ab [17].

Jetzt erst erhält Schleicher den Auftrag zur Regierungsbildung. Sein Widerwille das Amt des Reichskanzlers zu übernehmen wurde nur vom preußischen Pflichtbewußtsein übertroffen. Von Anfang an war klar, daß Hindenburg ihm keinerlei außerordentliche Vollmachten erteilen würde und so nahm der General Kurt von Schleicher die Aufgabe eines aussichtslosen Unterfangens an, die verfahrene politische Situation aufzuheben [18].


 

Ausweg Schleicher.

Schleichers Ausweg.

Kurt von Schleichers Politik beruhte auf drei Grundsätzen [19]:

Er erfährt dabei Unterstützung durch die Elektroindustrie (man erinnere sich Rathenaus), durch die Reichswehr (geführt von seinem Freund von Hammerstein) und er verfügt über einen erfolgversprechenden wirtschaftspolitischen Plan. General v. Schleicher übernimmt ein Konzept aus den Reihen der Gewerkschaften (des ADGB) den WTB-Plan (Woytinsky-Tarnow-Baade), um die Wirtschaft anzukurbeln und vor allem um die Not der Menschen durch Reichsbank finanzierte Projekte zu lindern. Woytinski orientierte sich an den in den U.S.A. zu Zeiten der Hoover-Regierung gestarteten Initiativen, denen zwei Merkmale eigen waren: Anregung des Geldflusses und öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme [A].

Das gefällt weder SPD noch KPD [20].

Vor allem gefällt es aber Hjalmar Schacht nicht, der zu diesem Zeitpunkt - so ein Eintrag in Goebbels Tagebuch - schon als neuer Reichsbankpräsident des Kabinetts Hitler eingeplant war [21]. Schacht wollte diesen Posten, der ihm mehr Macht versprach, als die Funktion eines Regierungschefs und er wollte ein stabiles politisches Umfeld, das er durch Hitlers Politik am besten gewährleistet sah [22].

Ein Schlachtplan.

Wie Schleicher seine politischen Schritte geplant hat, ob es eine Art Generalplan zur Verhinderung der NS-Herrschaft gab, weiß ich nicht zu sagen. Die historischen Vorgänge jedoch, würden ins Bild eines folgenden, angenommenen "Schlachtplanes" passen.

Ausgangspunkt war die Analyse Otts, daß die Wehrmacht der SA und den Milizen anderer Parteien, streikenden Arbeitern etc. nicht Herr werden konnte. Hinzu kam, daß die Franktiosstärke der NSDAP im Reichstag die Bildung einer bürgerlichen Mehrheitsregierung unmöglich machte.

Deshalb mußte Schleicher die Unterstützung der bürgerlichen Parteien gewinnen, vor allem aber die der SPD (wegen des Einflusses auf den ADGB und Reichsbanner), Gewerkschaften, DNVP (Hugenberg Stahlhelm), Zentrum (christl. Gewerkschaften) und die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (Strasser) für sich gewinnen. Mit deren Unterstützung hätte er die NSDAP und SA verboten, dann Neuwahlen ausrichten lassen, zu denen Strasser auf einer eigenen Liste kandidierend die Wähler der NSDAP auf sich hätte ziehem können. Bredow arbeitet einen Plan aus, wie die Wehrmacht in den zu erwartenden Unruhen einzusetzen ist.

Damit würde sich im Reichstag ein breites Bündnis von SPD, Zentrum und Strasser-Partei ergeben.

Hindenburgs falsches Spiel.

Bereits sieben Tage nach Schleichers Ernennung zum Kanzler bittet am 10. Dez. 1932 Papen den Bankier Kurt Freiherr von Schröder ein Treffen mit Hitler zu arrangieren [23].

Kronprinz Wilhelm von Preußen gelangt über den pensionierten Generalmajors Franz Ritter von Hörauf, zu der Zeit Chef der Abteilung I der Obersten SA-Führung, an interne Informationen aus dem "Braunen Haus" die er an den Reichskanzler weiterleitet. Dem Kronprinzen war klar, daß seine Ambitionen auf ein Repräsentatives Amt in Deutschland mit Machtantritt Hitlers starben.

So wußte Schleicher bereits am 26. Dez. von Papens Intrige und sorgte dafür, daß ein Pressefotograph der "Täglichen Rundschau" das Treffen, von dem Hindenburgs rechte Hand Meissner an Eides statt erklärte, der Reichspräsident habe von nichts gewußt [23'], dokumentierte.

Otto Meissners (Staatssekretär im Büro des Reichspräsidenten) Aussage vom 28.11.1945:
 
»Mitte Januar, als Schleicher zum ersten Mal Notverordnungen forderte, war Hindenburg der Kontakt zwischen Papen und Hitler nicht bekannt – insbesondere deren Treffen im Haus des Kölner Bankiers Kurt von Schroeder [23"].«

Strasser hatte sich nach einer Besprechung mit Schleicher eine Unterredung mit Hindenburg ausbedungen, um in Erfahrung zu bringen, ob der Reichspräsident immer noch davor zurückschrecke, Hitler zum Kanzler zu ernennen. Hindenburg verneinte. Er ließ Strasser und Schleicher im Glauben, Hitler unter keinen Umständen zum Regierungschef machen zu wollen [24].

Noch am 26. Jan. 1933 erklärt Hindenburg gegenüber Schleichers Freund General Kurt v. Hammerstein (Truppenamt), er dächte gar nicht daran, den österreichischen Gefreiten zum Wehrminister oder Reichskanzler zu machen [25]. Schleicher sollte das erst Stunden vor seiner Entlassung mit Gewissheit erkennen, daß der Reichspräsident selbst auf die Gefahr eines Bürgerkrieges hin, an der Wahl Hitlers festhielt.

Die SPD erliegt ihrem Dogmatismus.

Gustav Noske über die Parteiführer der SPD:
 
»In einer Verranntheit, wie sie in der Geschichte aller Parteien mir sonst nicht bekannt geworden ist, widersetzten sich Leute, die sich einbildeten, Führer zu sein, der letzten Möglichkeit, sich und ihre Einrichtungen vor der drohenden Vernichtung zu bewahren [26].«

Schleicher ließ im Stillen seine rechte Hand im Reichswehrministerium Generalmajor von Bredow, vormals Offizier der Abwehr, bei der SPD vorfühlen und weitreichende Vorschläge zur Zusammenarbeit unterbreiten. Er bot den Eintritt zweier Sozialdemokraten oder Gewerkschaftler in die Regierung an, die Verschmelzung von "Reichsbanner (SPD, DDP)" und "Stahlhelm (DNVP Duesterberg)" zu einem einzigen Wehrverband sowie das Verbot aller anderen Wehrverbände (inklusive der SA) und das Verbot der NSDAP. Der Vorstand der SPD lehnte ab! [27]

Noch am 3. Dez. 1932 war der ADGB-Vorsitzende Leipart Feuer- und Flamme mit Schleichers Hilfe den gewerkschaftseigenen WTB-Plan umzusetzen [28]. Am 6. Jan. 1933 erklärt Rudolf Breitscheid, daß die Parteileitung jede Zusammenarbeit mit dem "Reaktionär" Schleicher ablehne und erwarte, daß Theodor Leipart sich dieser Haltung anschließe [29]. Schleicher war immerhin soweit reaktionär, die am 4.9.32 verordneten Lohnsenkungen am 17.12.32 aufzuheben!

Leipart besaß nicht das Rückgrat sich gegen Breitscheid zu behaupten und er besaß auch nicht das Rückgrat sich gegen Hitler zu behaupten. Nach den Wahlen vom 5. März 1933 sollte sich Theodor Leipart in einem Brief an Herrn Hitler von der SPD los sagen. Am 2. Mai 1933 wird Leipart in Schutzhaft genommen [30].

Otto Braun, der nach dem Preußenschlag kaltgestellte, sozialdemokratische Ministerpräsident Preußens, bespricht sich am 6. Jan. mit Schleicher. Wenn Schleicher die Verordnung über den Reichskommissar in Preußen aufhebe, den Reichstag auflöse, so würde Braun seinerseits den Preußischen Landtag auflösen und beide würden sie die Neuwahlen bis ins späte Frühjahr hinein verschieben, um dann einen gemeinsamen, gegen Hitler gerichteten Wahlkampf zu betreiben. Schleicher sagte, er bekäme weder Hindenburgs Zustimmung zur Aufhebung der kommissarischen Verwaltung Preußens, noch erhielte er von ihm die Vollmacht, den Reichstag vorzeitig aufzulösen. Davon abgesehen, schien Schleicher Brauns Vorschläge als Grundlage einer Zusammenarbeit zu akzeptieren [31].

Erste Sitzungsperiode des Reichstages im Dezember 1932.

In ganz besonderer Weise hatte sich die SPD auf diesen Tag vorbereitet. Sie wollte die ihr abhanden gekommenen Wähler unbedingt zurückgewinnen und zwar indem sie im Reichstag - vor dessen erwartungsgemäßen Auflösung - eine Debatte führte, um ihre Grundsatzthemen einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Anders als der kreisende Berg, gebar der Parteiausschuß der SPD nicht einmal eine Maus. Man konnte sich auf kein Thema einigen und so blieb es bei der Fundamentalopposition gegen die Regierung Schleicher, die ihrerseits alles unternahm, um mit der SPD in's Gespräch zu kommen [32].

Zunächst mußte Schleicher die erste Sitzungsperiode des neuen Reichstages überstehen. Er kam deshalb der NSDAP soweit entgegen, deren Antrag auf Änderung der Regelung zur Bestimmung des stellvertretenden Reichspräsidenten zu unterstützten, um mit Reichstagsmehrheit, den Antrag der SPD, auf sofortige Vorlage einer Regierungserklärung, und den Mißtrauensantrag der KPD, von Tagesordnung nehmen zu können.

In der zweiten Sitzung des neuen Reichstags stellt die NSDAP einen Antrag zur Verfassungsänderung, "nachdem der Reichspräsident im Falle seiner Verhinderung" nicht mehr durch den Reichskanzler sondern "durch den Präsidenten des Reichsgerichts vertreten wird" [33].

Torgler erklärte, nachdem der eigentliche Redner der KPD Schneller ein Redeverbot erhielt, das dank der von SA und SS gestellten Saalordner auch prompt befolgt wurde, den Standpunkt seiner Partei: "Ich möchte ausdrücklich erklären, daß wir als Kommunisten grundsätzlich gegen die Institution des Reichspräsidenten sind, also auch gegen diese Regelung seiner Stellvertretung [34]."

Der Antrag zur Bestimmung eines neuen Vertreters des Reichspräsidenten wurde mit einer soliden 2/3 Mehrheit angenommen. Demgegenüber wurde ein Antrag der SPD (die eine sofortige Regierungserklärung forderte) und ein Antrag der KPD (dem Reichskanzler das Mißtrauen auszusprechen) nicht auf die Tagesordnung gesetzt. Für Torgler war "die Schleicher-Regierung eine neue verschärfte Form der faschistischen Diktatur gegen die Arbeiterklasse".

Der parteilose Graf Krosigk von Schwerin, Finanzminister von 1932 bis 1945, schreibt über den Fraktionsvorsitzenden der KPD Ernst Torgler: "Die Kommunisten waren hier [im Haushaltsausschuß] allerdings durch Ernst Torgler vertreten, der auf Wahrung der Formen Wert legte. Ich habe mit seiner Diskretion und seiner Zuverlässigkeit in der Einhaltung von Zusagen nur gute Erfahrungen gemacht [35]."

Rundfunkrede 15. Dezember 1932.

Reichskanzler General Kurt von Schleicher, parteilos, gibt die Regierungserklärung nicht wie gewohnt vor dem Reichstag sondern in Form einer Rundfunkansprache ab. Als oberstes Ziel nennt er die Schaffung von Arbeitsplätzen. Dabei misst er der Landwirtschaft eine besondere Rolle zu. Bankrotte Gutsbetriebe im Nordosten des Reiches sollen von Neubauern, gestellt von den Arbeitslosen in den Ballungsgebieten, bewirtschaftet werden. Die bisherige Förderung der landwirtschaftlichen Betriebe dieser Region, die sog. Osthilfe, bestand aus über 60 Einzelgesetzen und bildete einen Subventionsdschungel den trocken zu legen, Schleicher notwendig erschien, verschwendete Mittel sinnvoller einzusetzen. Dabei berief er sich auf den Vorsitzenden des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Dr. Krupp von Bohlen und Halbach, der ähnliches forderte.

Zur Stärkung des Zusammenhaltes der Gesellschaft spricht sich Schleicher für die Einrichtung der Wehrpflicht aus: »es hat in der Tat nichts Sozialeres gegeben als die Armee der allgemeinen Wehrpflicht, in der Arm und Reich, Offizier und Mann in Reih und Glied zusammenstanden und in den Wundertaten des Weltkrieges eine Kameradschaft und ein Zusammengehörigkeitsgefühl bewiesen haben, wie es die Geschichte nicht seinesgleichen kennt.« Aufgrund des Deutschland diktierten Friedensschlusses in Versailles, war dies nicht möglich, deshalb sah Schleicher die Bildung und Unterstützung von Milizen vor.

Schleicher betont die Notwendigkeit einer Förderung des Binnenmarktes (der heimische Markt soll vor Importen geschützt werden und der Export angeregt werden...) und verspricht ein Ende der Sparpolitik.
»Wir werden im laufenden Etatsjahr im Reiche ohne neue Steuern und ohne weitere Kürzungen der Personalausgaben durchkommen [... ] Ich bin ketzerisch genug, einzugestehen, daß ich weder ein Anhänger des Kapitalismus noch des Sozialismus bin, daß für mich Begriffe wie "Privat- oder Planwirtschaft" ihre Schrecken verloren haben, ganz einfach, weil es diese Begriffe in absoluter Reinheit im Wirtschaftsleben gar nicht mehr gibt, auch gar nicht mehr geben kann. Und deshalb vertrete ich den Standpunkt, man soll in der Wirtschaft das tun, was im gegebenen Moment vernünftig ist und aller Wahrscheinlichkeit nach zu den besten Resultaten für Volk und Land führt, und sich nicht eines Dogmas wegen die Köpfe einschlagen.«

Das öffentliche Arbeitsbeschaffungsprogramm (Umfang bisher 1 Mrd. RM) will die Reichsregierung noch erheblich erweitern. Die Rechte der Arbeitnehmer will Schleicher gewahrt wissen: »Die auf [der] Ermächtigung beruhende Verordnung zur Vermehrung und Erhaltung der Arbeitsgelegenheit vom 5. September 1932, die starke Eingriffe in den Tarifvertrag gebracht hatte, ohne die in sie gesetzten Erwartungen auf dem Gebiete des Arbeitsmarktes zu erfüllen, hat die Reichsregierung gestern bereits aufgehoben.«

Der Reichskanzler zeigt sich gerüstet, inneren Unruhen zu begegnen und hält die Aufrechterhaltung des Reichskommissariats für Preußen (kommissarische Verwaltung Preußens durch das Reich) weiterhin für erforderlich [36].

Außenpolitik.

Ein großer Schritt auf dem Weg eines den anderen Staaten gleichberechtigten Deutschlands erfolgte Mitte Dez. 1932. Reichskanzler Kurt von Schleicher beendete Deutschlands Boykott der Genfer Abrüstungsverhandlungen. Am 11. Dez. 1932 wird erklärt, daß die Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die USA militärisch gleichberechtigt sein sollten [37].

Zur Wiedererlangung der nationalen Souveränität bedurfte es zudem:

1. der Pflege guter Beziehungen zur Sowjetunion...
Die von Schleicher beabsichtigte Außenpolitik beruhte auf dem vom deutschen Außenminister Rathenau und seinem sowjet-russischen Kollegen Tschitscherin am 16. April 1922 unterzeichneten Vertrag von Rapallo.

Im Rahmen der Rapallo-Politik entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Außenpolitik, der Wirtschaft, des wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs und der Rüstung (bereits seit 1920). Diese Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee bestand aus gegenseitigen Manöverbesuchen, Ausbildungskursen an der Fliegerschule in Lipezk, an der Panzerschule Kama (in der Nähe von Kasan) sowie an der Übungsstätte für Gaskampf Tomka (nahe Saratow). Offiziere der Roten Armee wurden zu Lehrgängen nach Deutschland beordert.

Auch die deutsche Wirtschaft profitierte gerade in der Weltwirtschaftskrise. Die Existenz ganzer Industriezweige wäre ohne den russischen Markt bedroht gewesen. Am 20. Dezember 1932 notierte Maxim Litwinow (sowjetischer Volkskommissar für Auswärtiges) über seinen Besuch bei Reichskanzler Kurt von Schleicher: »In seiner Eigenschaft als Kanzler ist er eine Garantie der Erhaltung der bisherigen sowjetisch-deutschen Beziehungen... [38]«

und...

2. des Zusammenschlußes mit Österreich.
Der 1923 durch die Besetzung des Rheinlandes durch Frankreich deutlich gewordene Bedrohung plante Schleicher durch einen Zusammenschluß mit Österreich zu begegnen [39].

Strasser.

Schleicher erhielt von Hindenburg den Auftrag zur Bildung einer nationalen Regierung und der schickte Oberstleutnant Ott am 1. Dez. 1932 nach Weimar Hitler die Vizekanzlerschaft anzutragen. Schleicher hatte wenige Wochen zuvor (nachdem er Hitler am 25.11.1932 die Vizekanzlerschaft antrug) zu der Frage einer Einbeziehung der Nationalsozialisten in eine Regierung folgende Einschätzung gewonnen:

Für den 30. Nov. 1932 war eine Besprechung zwischen Schleicher und Hitler geplant, den Eintritt Strassers und weiterer NS-Politiker in die neue Regierung zu vereinbaren. Hitler wurde jedoch auf seinem Weg von München nach Berlin in Jena abgefangen und umgedreht. Fortan stellte er sich gegen eine Regierungsbeteiligung der NSDAP [40'].

Schleicher zeigte sich unbeeindruckt und traf sich am 3. Dez. 1932 mit Strasser [41][42].

Der hypothetisch von mir angenommenen "Schlachtplan" maß Strasser eine komfortable Position bei. Er hätte demnach erst Farbe bekennen müssen, nachdem NSDAP und SA verboten worden wären, d.h. kurz vor den Neuwahlen. Das einzige Risiko bestand darin, daß zuvor Hindenburg Hitler zum Kanzler machte.

Am 8. Dez. 1932 kam es zwischen Strasser und Hitler zum Bruch. Strasser tritt von seinen Parteiämtern zurück, steht aber - wie sich u.a. aus der Kabinettssitzung vom 16.1.1933 entnehmen läßt - weiterhin dem Kabinett Schleicher zur Verfügung [43].

Am 4. Jan. 1933 empfängt Hindenburg Strasser, ihm zu versichern, daß Hitler nie Reichskanzler wird, während sich sein Schützling Papen am selben Tag mit Hitler treffen sollte.

Papens Mission.

Bereits sieben Tage nach Schleichers Ernennung zum Reichskanzler bittet am 10. Dez. 1932 Franz v. Papen den Bankier Kurt Freiherr von Schröder ein Treffen mit Hitler zu arrangieren [44].

Kurt v. Schröder: »Bevor ich diesen Schritt unternahm, besprach ich mich mit einer Anzahl von Herren der Wirtschaft und informierte mich allgemein, wie sich die Wirtschaft zu einer Zusammenarbeit der beiden stellte. Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange an der Macht bleiben würde. Als die NSDAP am 6. November 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend.« [45]

Am 4. Januar 1933 trafen sich von Papen, Hitler, Heß, Himmler und Keppler im Haus des Bankier Schröder in Köln. Man einigte sich auf die Grundlinien der Politik des Kabinettes Hitler/Papen und auf ein in Berlin stattfindendes Folgetreffen [46]. Papen berichtet Hindenburg [C] und setzte mit Zustimmung des Reichspräsidenten die Gespräche fort [47].

Schleichers Gegenspieler Hjalmar Schacht setzt, eigene Ziele verfolgend, auf Hitler als Gehilfen.

Schleichers Sturz.

Am 11. Januar 1933 bricht der Reichslandbund eine von der Presse vorbereitete Kampagne gegen Schleicher vom Zaun und wird beim Reichspräsidenten vorstellig. Bei Schleichers Agrar- und Siedlungspolitik handele es sich um »Agrarbolschewismus«. Der Reichslandbund forderte Hindenburg dazu auf Schleicher durch Hitler zu ersetzen.
Die auf die Regierung Müller (SPD) zurückgehenden Osthilfegesetze wurden Ende Mai 1931 von Brüning mit dem heiklen Vorhaben Neubauern auf Grundstücken bankrott gegangener Großgrundbesitzer anzusiedeln verbunden. Das brachte schon und ausgerechnet Brüning den Vorwurf des »Agrarbolschewismus« ein und führt damit zu dessen Sturz. Warum Schleicher nicht auf die selbe Weise stürzen?

Schleicher dreht den Spieß um und droht dem Reichspräsidenten mit weiteren Enthüllungen, im undurchsichtigen Verfahren zur Verteilung der im Rahmen der Osthilfe geleisteten Subventionen aber auch zur Weise der wundersamen Rettung des Hindenburgschen Landgutes Neudeck [48][B].

Für den »Agrarbolschewisten« Schleicher tritt der Reichsverband der Deutschen Industrie ein und veröffentlicht eine Erklärung in der er seine Empörung über das Vorgehen des Reichslandbundes zum Ausdruck bringt [49].

Schleicher blieb vorerst nur das Mittel der Politik, während gleichzeitig sein Freund Generalmajor Ferdinand von Bredow Pläne zum Einsatz der Wehrmacht gegen paramilitärische Einheiten der Nationalsozialisten und Kommunisten entwickelte [50]

Alfred Hugenberg, Herr über Presse und Film wie über die DNVP, widerstand Papens Werben, sich an einer von Hitler geführten Regierung zu beteiligen, sofern den Nationalsozialisten das Innenministerium, d.h. die Gewalt über die Polizei, übertragen würde. War der rechtsextreme Hugenberg der einzige, der sich ausmalen konnte, was geschehen würde, wenn die Polizei dem Straßenterror der SA tatenlos zusehen würde?

Hugenberg hatte Schleicher eine Regierungsbeteiligung seiner Partei angeboten, wenn ihm das Wirtschafts- und Ernährungsministerium übertragen würde. Schleicher mußte ablehnen, da die erzkonservative Wirtschaftspolitik Hugenbergs seinen politischen Vorstellungen, in denen den Gewerkschaften eine staatstragende Rolle zugekommen wäre, widersprach.

Daß sich Hugenberg trotz Bedenken letztendlich doch für Hitler entschied, war möglicherweise der erstarkenden Opposition verschuldet, die ihm innerhalb seiner Partei entgegentrat und der Aussicht durch Annahme des ihm nun von Papen angetragenen Wirtschafts- und Ernährungsministerium seiner Klientel einen Erfolg liefern zu können [51].

Am 23. Januar 1933, unterstützt von seinem Kabinett, versucht Schleicher ein ihm vom Reichstag drohendes Mißtrauensvotum auszuhebeln. Mit Rückendeckung seines Kabinettes bat er Hindenburg, die damit verbundenen Neuwahlen aufzuschieben und die Regierung Schleicher geschäftsführend im Amt zu belassen. Hindenburg lehnte ab [52].

Ende Januar lädt Reichspräsident von Hindenburg führende Vertreter von SPD, Zentrum und Bayrischer Volkspartei ein um deren Vorstellungen zur Bildung einer von der Mehrheit des Reichstags getragenen Regierung in Erfahrung zu bringen. Die Bildung einer solchen Regierung sei schlichtweg unmöglich und doch gab es für den Vertreter der SPD Wels, wie für den Vertreter des Zentrums Kaas nichts wichtigeres, als dem Reichspräsidenten dringlichst den Sturz der Regierung Schleicher anzuraten [53].

Am 28. Januar 1933 schickte Hindenburg Schleicher in die Wüste: Schleicher sei es nicht gelungen, »die Nationalsozialisten für sich zu gewinnen und eine Reichstagsmehrheit zu schaffen«. Hindenburg verweigerte Schleicher selbst die Befugnis zur Auflösung des Reichstages [54].

Unverständnis über Hindenburgs Haltung äußerte sogar der Reichsminister der Finanzen Graf Schwerin von Krosigk:
 
»Er [Hindenburg] konnte nicht einsehen, warum er Schleicher, an dem er viel auszusetzen hatte, jene Vollmacht zur Illegalität geben sollte, die er vor zwei Monaten Papen nicht geben durfte; und an dem hatte er nichts auszusetzen... Aber es war ein Unterschied: ein Kampfkabinett Papen forderte den Kampf heraus, gegen eine Vollmacht an Schleicher hätte man protestiert, wäre aber nicht auf die Barrikaden gegangen. Gewerkschaften und Nationalsozialisten hatten eine Zusammenarbeit mit Schleicher abgelehnt, aber ihn hätten sie toleriert, jedenfalls eher als Papen [55]«.

Am 28. Jan. besprach Schleicher sich mit seinen Mitarbeitern Staatssekretär Planck, Oberst von Bredow, Oberstleutnant Ott, Major Marcks und General Kurt von Hammerstein. Sie überließen Schleicher die Option Hindenburg ein Ultimatum zu stellen, Hitler nicht zum Reichskanzler zu machen und im Fall einer Weigerung, den Ausnahmezustand auszurufen. General Kurt von Schleicher hielt das Unterfangen für aussichtslos, sorgte aber dafür, daß Gerüchte über einen Militärputsch verbreitet wurden. Die schwache Hoffnung Hindenburg würde angesichts drohender Unruhen von seinem Plan abrücken bewahrheitete sich nicht.

Kurt von Schleicher war zwar Wehrminister, sein Freund Hammerstein Chef des Truppenamtes, den Oberbefehl über die Wehrmacht hatte aber Hindenburg, und der ließ keine Gelegenheit aus, das der Truppe und Schleicher zu zeigen. Nicht zu vergessen ist, daß der Einfluß der Nationalsozialisten auf die Wehrmacht nicht zu vernachlässigen war. Die SA verfügte über rund 3,5 Millionen Mitglieder. Schleicher würde, wenn Aussicht auf Erfolg bestanden hätte, einen Militärputsch nicht gescheut haben, doch diese Aussicht gab es nicht.

Der Reichspräsident hielt eisern auf seinem Kurs in den Abgrund fest, er, als Oberbefehlshaber hat die Armee nicht zu fürchten und Schleicher war die längste Zeit Reichswehrminister gewesen. Hindenburgs ostpreußischer Landsmann und Nazi-Sympathisant Werner von Blomberg wurde beizitiert und am 30. Jan. 1933 morgens, kurz nach 8 Uhr, als neuer Reichswehrminister vereidigt. Hitler selbst erhielt erst knapp 3 Stunden später seine Ernennungsurkunde zum Reichskanzler [56].

Harry Graf Kessler notiert am 28. Jan in sein Tagebuch:
»Gravierender als alles übrige sind die Hintergründe dieser Intrige, die den im Augenblick völlig unnötigen Kanzlersturz herbeigeführt hat: der Osthilfeskandal, die riesige Korruption in Ostelbien, die gerade aufgedeckt werden sollte; Schleicher war den korrumpierten Granden zu lasch in der Vertuschung ihrer Schweinereien; daher mußte schnell wieder dem alten Mann sein Liebling [gemeint war Papen] präsentiert werden, der robuster in solchen Sachen vorzugehen wagen wird.«

Hitler hat sein Kabinett [57] und sorgt anschließend für eine Mehrheit im Reichstag, indem er die kommunistischen und sozialdemokratischen Abgeordneten verhaften läßt. Die Notverordnung besorgt er sich, als das Reichstagsgebäude in Flammen aufging.

Das Ende.

Am 17. Juli 1933 hielt der Vizekanzler Franz von Papen an der Marburger Universität eine von Edgar Jung abgefaßte Rede in der er seinen Unmut über die Gewaltexzesse der Nazis zum Ausdruck brachte [47]. Doch die Weimarer Zeiten politischen Treibens waren vorbei.

Auch die SA ("außen braun, innen rot") hatte das Potential, den Lauf der Geschichte zu gefährden [58]. Mit der Niederschlagung des angeblichen Röhm-Putsches klärte Hitler die Machtfrage zwischen Wehrmacht und SA. Hindenburgs Liebling v. Papen hatte ihn daran erinnert. Die SA wurde ihrer politischen Führung beraubt und zurück blieb eine Lämmerherde. Hiermit lieferte Hitler das letzte Arbeitspaket ab, ihm die Tyrannenherrschaft über Deutschland zu übertragen.

Der Führer der SA Röhm und dessen aufrührerrichsten Unterführer wurden am 30.6 u. 1.7.1934 ermordet [59]. General Kurt von Schleicher und Generalmajor Ferdinand von Bredow wurden im Zuge der Mordserie erschossen. Franz von Papen wurde unter Hausarrest gestellt und trat wenig später als Vizekanzler zurück. Sein Pressereferent Herbert von Bose und sein Redeschreiber Edgar Jung wurden ermordet. Insgesamt wurden nach vorsichtigen Angaben ca. 200 Menschen getötet. Hindenburg bedankte sich bei Hitler [60] [61].


 

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Nachklang.

Am 28. Februar 1933 lud Hindenburg die ehemaligen Offiziere zu einem Festessen anläßlich des Schlieffen-Tages ein. Der abgedankte Oberstleutnant Ferdinand von Bredow erhielt keine Einladung [62].

Am 28. Februar 1935 wurde auf der Mitgliederversammlung des Vereins der Angehörigen des ehemaligen Generalstabs der Vereinigung Graf Schlieffen e. V., den im Vorjahr verstorbenen Mitgliedern gedacht, indem man ihre Namen verlas und sich ihnen zu Ehre von den Sitzplätzen erhob. Zwei Namen wurden nicht genannt.

Nicht zu bändigen war des Kaisers Generalfeldmarschall von Mackensen, 1. Vorsitzender der Vereinigung Graf Schlieffen. Für ihn waren seine Kameraden Schleicher und Bredow »ohne Verletzung ihrer Ehre auf einem Schlachtfelde gefallen, auf das sie ihr Geschick geführt hatte [63].«
 

Eisernes Kreuz

 

Bezüge:

[A] Wladimir Woytinsky [64]: »Am 6. Oktober 1931 ist die bekannte wirtschaftspolitische Botschaft Hoovers erschienen, die einen vielversprechenden Plan der Kreditausweitung entwarf. Eine Woche später war die National Credit Corporation mit einem Nominalkapital von 500 Millionen Dollar geründet, eine Art Organisation der Selbsthilfe des Bankgewerbes. Ende Januar 1932 trat die Reconstructions-Finance Corporation auf, ein von der Bundesregierung geleitetes Finanzierungsinstrument, das die Unterstützung notleidender Banken und anderer Firmen durch die Kreditgewährung zur Aufgabe hat... Vier Wochen nach der Gründung des RFC, hat Hoover die Glass-Steagall-Bill unterzeichnet, die die Golddeckung der Banknoten herabsetzte und die Ausdehnung des Reservebankkredits ermöglichte... Die von der Seite des Finanzkapitals her stammenden Widerstände haben die von der Regierung und dem Kongress vorgenommene Ausdehnungspolitik gelähmt.«
 
»Dem Kongress und Senat sind aber zahlreiche Pläne vorgelegt worde, die offen für die öffentliche Arbeitsbeschaffung als Mittel der Ankurbelung der Wirtschaft auftreten.
Garner regt eine Kreditausweitung von 2,1 Milliarden Dollar an, von denen 1 Milliarde in Form einer staatlichen Bondsemission für öffentliche Bauten bestimmt sind.
Robinson, der Führer der demokratischen Opposition, hat ein Finanzprogramm für 2,3 Milliarden Dollar aufgestellt... 1,5 Milliarden an den RFC, in erster Linie für produktive öffentliche Bauten (Wohnungsbau, Abbrucharbeiten, Brücken- und Tunnelbau, Wasserbauarbeiten und ähnliches mehr)...«

[B] Anläßlich seines 80. Geburtstags am 2. Oktober 1927 erhielt Paul von Hindenburg das im Besitz seiner Schwägerin bankrott gegangene Landgut Neudeck geschenkt. Elard von Oldenburg-Januschau, hatte für das Geburtstagsgeschenk in Kreisen der Großindustrie Spenden gesammelt. Ein Teil der Spenden kam auch vom Reichslandbund. Um die Erbschaftssteuern zu umgehen, überschrieb Hindenburg den Gutsbesitz seinem Sohn Oskar. Ende der 20er Jahre wurde die Osthilfe für die notleidende Landwirtschaft des Ostens eingerichtet. Die Steuergelder wurden von der Bank für Deutsche Industrieobligationen (Industriebank) verteilt. Das Kabinett Schleicher setzte eine Untersuchungskommission ein, die überprüfen sollte, ob die Gelder, entsprechend den gesetzlichen Vorgaben, vor allem an nicht selbst verschuldet in Not geratene kleine und mittelgroße landwirtschaftliche Betriebe flossen [65]. Das Kabinett Hitler schloß die Untersuchung am 23. Mai 1933 mit dem Ergebnis ab, daß es zu keinerlei Verstößen gekommen sei [66]. Im August 1933 schenkt Hermann Göring, Preußens Ministerpräsident, Hindenburg das an Neudeck angrenzende Gut Langenau. Ein Schlag ins Gesicht jener, die ihre Politik auf die Einhaltung von Recht und Gesetz betrieben.

[C] Eidesstattliche Erklärung des Bankiers Kurt Freiherrn von Schroeder vor der amerikanischen Untersuchungsbehörde des Internationalen Militärgerichtshofes in Nürnberg: »Daraufhin hielt Hitler eine lange Rede, in der er sagte, daß, wenn er zum Kanzler ernannt würde, Anhänger von Papen als Minister an seiner (Hitlers) Regierung teilnehmen könnten, sofern sie gewillt wären, seine Politik, die viele Änderungen bestehender Zustände verfolgte, zu unterstützen. Er skizzierte diese Änderungen, einschließlich der Entfernung aller Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden von führenden Stellungen in Deutschland und der Wiederherstellung der Ordnung im öffentlichen Leben. Von Papen und Hitler erzielten eine prinzipielle Einigung,...« [67]

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Quellen:
 
[ 1] Pyta, Wolfram, Hindenburg.   München 2007 S.369
[ 2] Schacht, Hjalmar, 1933 - Wie eine Demokratie stirbt, Düsseldorf u. Wien, 1968, S. 62
[ 3] ebd., S. 48f
[ 4] Schacht, Hjalmar, Abrechnung mit Hitler, Berlin u. Frankfurt/M. 1949, S. 26
[ 5] Schacht, Hjalmar, 76 Jahre meines Lebens, Bad Wörishofen 1953, S. 366ff
[ 6] HIMMLER-KREIS - Treue im Chor in Der Spiegel Nr.42/1965, S. 74
[ 7] Brüning, Heinrich, am Ende seiner Rede vom 24.5.1932, FAZ vom 23.11.1965
[ 8] Möller, Horst, Die Weimarer Republik, München 2004, S. 268
[ 9] Brüning, Heinrich, Memoiren 1918-1934 Stuttgart 1970 S. 387
[10] Schyga, Peter, Die Hauptresolution der Harzburger Tagung - Einführung, auf www.1000dok.digitale-sammlungen.de, Stand:21.09.2011
[11] Pyta, a.a.O., S. 690
[12] Ulrich, Bernd, Anfang vom Ende der Weimarer Republik im Kalenderblatt vom 20.07.2007 auf http://www.deutschlandfunkkultur.de Stand:21.02.2018
[13] Bednareck, Horst, 70 Jahre nach dem Berliner Verkehrsarbeiterstreik im November 1932, auf www.archiv2007.sozialisten.de, Stand: 28.01.2018
[14] Pyta, a.a.O., S. 764
[15] Kopper, Christopher, Hjalmar Schacht München 2006 S. 201f.
[16] Pyta, a.a.O., S. 796
[17] ebd., S. 752
[18] ebd., S. 669
[19] Strenge, Irene, Kurt von Schleicher, Berlin 2006, S. 16f
[20] Gewerkschaften unterschätzen die Krise auf www.gewerkschaftsgeschichte.de aufgerufen am 21.01.2018
[21] Kopper, Christopher, a.a.O., S. 199
[22] Schacht, Hjalmar, Abrechnung.. a.a.O., S. 32
[23] Vogelsang, Thilo, Kurt von Schleicher, Göttingen 1965, S. 91
[23'] Kellerhoff, Sven Felix, So wollte Preußens Kronprinz Hitler verhindern, auf www.welt.de, Stand 1.3.2018
[23"] Meissner, Otto, Erklärung vor dem Nürnberger Kriegstribunal im Nov. 1945 nach www.ghi-dc.org Stand: 1.3.2018
[24] Strasser, Gregor, Bericht Gregor Strassers an seinen Bruder Otto, veröffentlicht in Gossweiler, Kurt , Der Putsch der keiner war, Köln 2009, S. 452f
[25] Strenge, Irene, Ferdinand von Bredow, Berlin 2009, S. 45
[26] Noske, Gustav, Erlebtes aus Aufstieg und Niedergang einer Demokratie, S. 311, zitiert nach Plehwe, a.a.O., S. 269
[27] Strenge, Irene, Kurt von Schleicher, Berlin 2006, S. 207
[28] Plehwe, Friedrich-Karl von, Reichskanzler Kurt von Schleicher, Esslingen 1983, S. 269
[29] Excelsior-Interview Leiparts vom 3.12.1932 veröffentlicht in Gossweiler, Kurt , Der Putsch der keiner war, Köln 2009, S. 454
[30] Thamer, Hans-Ulrich, Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft (Teil 2), auf www.bpb.de Stand: 26.02.2018
[31] Plehwe, a.a.O., S. 270
[32] Dorpalen, Andreas, SPD und KPD in der Endphase der Weimarer Republik in Viertelsjahreshefte für Zeitgeschichte Jhrg. 31/1 1983, München Berlin, S.23ff.
[33] Reichsgesetzblatt 1932 Teil I S. 547 Berlin 1932
[34] Verhandlungen des Reichstages Bd.:455.1932 Reichstag 2.Sitzung 7.12.1932, Berlin 1933
[35] Graf Schwerin von Krosigk, a.a.O., S. 52
[36] Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik. Nr. 25 Rundfunkrede des Reichskanzlers vom 15. Dezember 1932 auf www.bundesarchiv.de, abgerufen am 2.2.2018
[37] Strenge, Schleicher, a.a.O., S. 199
[38] Rosenfeld, Günter, Schicksalsgemeinschaft für ein Jahrzehnt, auf www.neues-deutschland.de, Stand: 11.02.2018
[39] Strenge, Bredow, a.a.O., S. 12
[40] Strenge, Schleicher, a.a.O., S. 182
[40'] Höhne, Heinz, Warten auf Hitler (Teil 4) in DER SPIEGEL Nr. 4/1983 S. 149
[41] Strenge, Schleicher, a.a.O., S. 184
[42] Thamer, a.a.O., S.92
[43] Akten der Reichskanzlei. Kabinett von Schleicher. Band 1. Dok. Nr. 56 Ministerbesprechung vom 16. Januar 1933, 11.15 Uhr, S. 230-238
[44] Vogelsang, Thilo, Kurt von Schleicher, Göttingen 1965, S. 91
[45] Schroeder, Kurt von, Eidesstattliche Erklärung vor der amerikanischen Untersuchungsbehörde des Internationalen Militärgerichtshofes in Nürnberg
[46] Schroeder, a.a.O.
[47] Vogelsang, Thilo, a.a.O., S. 92
[48] Strenge, a.a.O. S. 211
[48] Thürauf, Ulrich, Schulthess´ Europäischer Geschichtskalender Bnd. 74 1933, München 1934, S. 12
[50] Strenge, Bredow, a.a.O., S. 36 ()
[51] Pyta, a.a.O., S.781
[52] ebd., S. 772
[53] Schacht, 1933.. a.a.O., S. 66
[54] Pyta, a.a.O., S. 774
[55] Graf Schwerin von Krosigk, Lutz, Staatsbankrott - Finanzpolitik des Deutschen Reiches 1920/1945, Göttingen 1974, S. 166
[56] Strenge, Schleicher, a.a.O. S. 218f
[57] Brüning, Heinrich, Memoiren, a.a.O., S. 693
[58] Piper, Ernst, Röhm-Putsch - Nazis gegen Nazis, in Der Spiegel vom 29.06.2009
[59] ebd.
[60] Pyta, a.a.O. S. 851
[61] Piper, Ernst, a.a.O.
[62] Strenge, Bredow, a.a.O., S. 62 [63] Zur Ermordung des Generals Schleicher, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 1. Jhrg. Heft 1, München, Berlin 1953, S. 73
[64] Woytinsky, Wladimir, Vor der Wende der Weltwirtschaftspolitik? in Die Arbeit Heft 7, Berlin 1932, S. 399f und S. 401
[65] Kulke, Uli, Hindenburg bekam gleich ein Landgut geschenkt, auf www.welt.de, Stand: 3.2.2018
[66] Graf Schwerin von Krosigk, a.a.O., S. 162f
[67] Schroeder, Kurt von, a.a.O.

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