Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Der Krieg im Kriege.

Die einfältigen Muster zur Erklärung des Weltkrieges 1914/18 verhindern es irgendeine Lehre aus ihm zu ziehen, es sei denn die, den Blick auf Details zu richten, die sich den gängigen Mustern entziehen.

Der US-Amerikaner Eugene Debs [1] sah zu seiner Zeit den Krieg im Kriege.

Eugene V. Debs in »The IWW Bogey« [2]

 
»Die Morgenzeitung, die ich gerade gelesen habe, enthält eine wortreiche Pressemitteilung aus Washington, die, unter einer schreienden Schlagzeile, die von Geheimdienstagenten der Regierung ermittelte, schockierende Enthüllung einer weltweiten Verschwörung zum Sturz der bestehenden sozialen Ordnung verbreitet. Die Verschwörung wurde damit begründet, daß auf einem, gerade in einen Pazifikhafen eingelaufenem, russischen Frachter mit bolschewistischer Besatung, Waffen und Munition im Laderaum entdeckt wurden, woraus abgeleitet wird, daß diese Waffen von russischen Revolutionären an das IWW [3] der Vereinigten Staaten geliefert wurden, um, in einer Verschwörung der russischen Roten, der Sinn-Fein Führer Irlands und der amerikanischen IWW, den Sturz aller Regierungen der zivilisierten Welt zu betreiben. Dies ist zu viel!«

[...]

»Wiederholt wurde die sensationelle Anklage durch die kapitalistische Presse verbreitet, daß die IWW sich verschworen habe, die Mühlen und Fabriken im Osten zu vernichten, die Ernten zu verbrennen und die Obstplantagen im Westen zu zerstören, die Quellen und Brunnen im Norden zu vergiften, die Baumwoll- und Reisindustrie im Süden zu lähmen und das ganze Land zu ruinieren und zu verwüsten, um zu Gunsten und zum Ruhme des verrückten teutonischen Kaisers und der grauenhaften Räuberbande seiner Junker, den Sturz von Demokratie und Freiheit in den Vereinigten Staaten herbeizuführen.«

[...]

»Es ist die Wall Street, das Finanzzentrum der amerikanischen Geldkrake, die diese Kampagne der Falschheit und Verleumdung gegen die IWW veranlaßte; von dort aus ergehen die Befehle in die lokalen und nationalen Büros des IWW einzubrechen, deren Leiter ins Gefängnis zu werfen, Versammlungen aufzulösen und die Redner und Organisatoren zu teeren und zu federn, mit Peitschen blutig zu schlagen und schließlich zu lynchen und zu ermorden.
Aber die Wall Street hat keine Angst vor Sammy Gompers und der AF of L. [4]. Jedes Mitglied der Geld-Aristokratie, jeder profitgierige Pirat, jeder Nahrungsmittelgeier, jeder Ausbeuter der Arbeit, jeder Räuber und Unterdrücker der Armen, jedes Schwein mit Seidenkrawatte, jeder Vampir in Menschengestalt, wird Ihnen sagen, daß die AF of L. unter Gompers eine große und patriotische Organisation ist und die IWW unter Haywood eine Bande von bezahlten Verrätern im Dienste des blutigen Kaisers.«

[...]

»Der Krieg innerhalb des Krieges und jenseits des Krieges, in dem sich die IWW befindet - der Krieg der Arbeiter aller Länder gegen die Ausbeutung - aus allen Ländern - ist unser Krieg, der Krieg der Menschlichkeit gegen Unterdrückung und Ausbeutung, es ist der heiligste Krieg, der jemals geführt wurde.«


 

Der Sozialist Eugene Debs hielt am 16. Juni 1918 in Canton (Ohio) eine Rede, in der er sich gegen den Krieg aussprach:

»Die Oberschicht hat viel zu gewinnen und nichts zu verlieren, während die Unterschicht nichts zu gewinnen hat, aber alles zu verlieren, vor allem ihr Leben.«

Debs hatte damit gegen das am 15. Juni 1917 in den USA erlassene Spionagegesetz verstoßen, wonach

»jegliche Äußerung, die dazu geeignet ist, die Loyalität mit den kämpfenden Truppen in Frage zu stellen«

verboten war. Debs wurde zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Gesetzgeber hatte mit dem Spionagegesetz gegen den I. Zusatzartikel zur Verfassung der USA verstoßen, der da lautet:


 
»Der Kongress soll kein Gesetz erlassen, das die Presse- und Meinungsfreiheit einschränkt.«

 

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Anmerkungen:
 
[1] Eugene Victor Debs (geb. am 5.11.1855, gest. am 20.10.1926) war ein nordamerikanischer Gewerkschafter, Mitbegründer der International Labor Union und der Industrial Workers of the World (IWW). Parteipolitisch, zunächst Mitglied der Demokratischen Partei, führte ihn sein Weg nach dem Krieg gegen Mexiko zur Sozialdemokratischen und später zur Sozialistischen Partei.

Debs wurde 1890 in Indiana in den Senat der USA gewählt und verteidigte seinen Sitz bis nach Ende des Weltkrieges. Er kandidierte mehrmals für das Präsidentenamt. 1914 ein Unterstützer von Roosevelts Aufrüstungsprogramm, wurde Debs 1918, wegen Anstiftung zum Frieden, ins Gefängnis geschickt, aus dessen Mauern heraus er 1920 ein weiteres Mal für das Amt des Präsidenten kandidierte.

Präsident Warren G. Harding begnadigte Debs im Jahre 1921.

[2] Auszüge des im International Socialist Review, Band 18, Nr. 8 (Feb. 1918) auf S. 395-396 veröffentlichten Artikels.

[3] Die IWW (Industrial Workers of the World) wurde im Jahre 1905 gegründet. Sie versteht sich als basisdemokratische Gewerkschaft. Gemäß ihrer Grundsätze, habe die Klasse der Arbeiter*innen und die Klasse der Unternehmer*innen nichts gemein. Die Ausbeutung durch das Lohnsystem müsse überwunden werden. Als "Organisation zum Selbermachen" versucht sie, durch solidarisches Handeln ohne Stellvertreter*innen die neue Gesellschaft in der Schale der Alten zu formen.

[4] Die American Federation of Labor (AF of L.) gründete sich im Jahr 1886 als Zusammenschluß mehrerer Facharbeitergewerkschaften. Ihre Mitgliedsgruppen umfaßten nationale Gewerkschaften oder Handwerksverbände. Im Jahre 1955 schlossen sich die AFL und das Committee for Industrial Organization (CIO) zur AFL/CIO zusammen.

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