Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Haldane.

Die Daily Telegraph Affäre sorgte in Deutschland wie in England für Aufregung. In England empörte man sich darüber, daß Kaiser Wilhelm II. sich angemaßt hatte, diesem Weltreich militärische Vorschläge bezüglich des Burenkrieges vorzulegen und daß er die heuchlerische britische Diplomatie beim Namen nannte. In Deutschland schallt man den Kaiser seiner Anglophilie. »Ich habe immer wieder gesagt, daß ich ein Freund Englands bin, und Eure Presse, oder wenigstens ein beträchtlicher Teil von ihr, fordert das englische Volk auf, meine dargebotene Hand zurückzustoßen, und redet ihm ein, daß die andere einen Dolch halte [1]

Schon im August 1909 fanden auf deutsche Initiative hin Verhandlungen zur Verbesserung der Deutsch-Britischen Beziehungen statt. Nichts bewegte sich, England ließ die deutschen Bemühungen ins Leere laufen.

Nach der 2. Marokkokrise (1911) während der die Franzosen und Spanier in Absprache mit den Engländern Marokko besetzten und die dort getätigten erheblichen Investitionen der deutschen Industrie verloren gingen, sich Deutschland mit dem Panthersprung nach Agadir eine, wenn auch ungenügende Entschädigung abtrotzte, hielt Schatzkanzler Lloyd George vor den Bankern Großbritanniens im Mansion-House eine Rede in der er dem Deutschen Reich mit Krieg drohte.

Daraufhin bot die deutsche Regierung der britischen Verhandlungen zu einem Neutralitätsabkommen an. Premier Asquith lehnte solche Verhandlungen rundweg ab und schickte anstelle des Außenministers im Frühjahr 1912 seinen Kriegsminister Haldane auf persönliche Mission nach Berlin [3].

Haldane hatte in Göttingen studiert, war "mit Deutschland und seiner Kultur wie kaum ein anderer Engländer vertraut und war zudem am Berliner Hof sehr beliebt [9]." 1906 nutzte er eine ihm in vertrauensbildender Absicht gebotene Gelegenheit, sich drei Wochen lang im Preußischen Kriegsministerium umzusehen.

"Nach dem Muster des deutschen Generalstabs hat er einen englischen geschaffen. Nach dem Muster der deutschen Mobilmachung hat er Vorsorge getroffen, daß das englische Heer die von seinem Generalstab geplanten Stellungen in kürzester Frist einnehmen könne. Zu dem Zweck hat er rechtzeitig Besprechungen mit den maßgebenden Persönlichkeiten in Belgien und Frankreich veranlaßt; denn der deutsche Einmarsch über Belgien im Falle eines Krieges mit Frankreich ist während der letzten Jahre vor Kriegsausbruch mit vollkommener Offenheit in der militärischen Literatur behandelt worden [9]."

Der Manchester Guardian schrieb 1917:
"That he (Haldane) vastly improved our military machine is not to be denied, nor yet that some of his improvements in its' organisation were based on information that he acquired on his first mission in Berlin" [2]

Haldanes Mission 1912 in Berlin diente nicht zur Sondierung der Möglichkeit eines Neutralitätsabkommens, sondern der Schwächung Deutschlands:

Während Kriegsminister Haldane in Deutschland über eine Rüstungsbeschränkung zur See verhandelte, ließ er den Leiter der Abteilung für Militäoperationen des Kriegsministeriums Sir Henry Wilson dem französischen Oberbefehlshaber General Joffre L' Armée W , bestehend aus sechs Infanteriedivisionen, einer Kavalleriedivision und zwei berittenen Brigaden mit insgesamt 145 000 Mann zusichern [10].

In Berlin verlangte Haldane - mit starkem Rückenwind aus der deutschen Politik - die Aufhebung der jüngst angedachten Flottennovelle und bekam eine Einschränkung des Flottenprogrammes von drei auf zwei Schiffe zugesagt, wenn sich England im Gegenzug im Fall eines Krieges der Franzosen und Russen gegen das Deutsche Reich zur Neutralität verpflichtete. Nun hatte Haldane zwar alle Vollmachten deutsche Zugeständnisse einzustreichen, jedoch keinerlei Vollmachten zur Gegenleistung.

Großzügig stellte er in den Raum, daß Großbritannien vielleicht keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland unternehmen würde, wenn Deutschland auf die Flotte ganz und gar verzichtete [4]. Zusätzlich winkte er damit einen deutschen Anspruch auf belgische, französische und portugiesische Kolonien zu unterstützen.

Ohne Flotte sollte Deutschland Kolonien übernehmen, die einen Krieg mit den Staaten verurschen mußten, denen gegenüber Großbritannien zu militärischer Unterstützung verpflichtet war.
Kommentar des Kaisers: »Colonien haben wir genug. Wenn ich welche haben will, kaufe ich sie oder nehme sie ohne England!« [5]

Haldane verlangte zudem, daß Bethmann-Hollweg Reichskanzler bliebe. Gewiß würde - so England den deutschen Reichskanzler bestimmte - der Grund zum Weltkrieg entfallen sein. Haldane reiste aus Berlin ab, doch folgte eine Fortsetzung der Verhandlungen mit dem deutschen Botschafter Graf Wolff-Metternich in London, ohne den Kaiser davon in Kenntnis gesetzt zu haben [6].

1912 wurde Graf Wolff-Metternich aus London abberufen und durch einen Diplomaten - den Freiherrn von Marschall ersetzt - der die deutschen Interessen vertrat.

Die britische Kriegsmarine hatte 1905 mit der Umstellung auf die Dreadnought-Klasse begonnen. Im Zuge dieser Modernisierung wurden 150 alte Schiffe außer Dienst gestellt. Die damit einhergehende zeitweilige Schwächung der brit. Flotte und die Notwendigkeit die enormen Mittel für die Hochrüstung genehmigt zu bekommen, war Grund und Anlaß der britischen Flottenpanik. Die deutsche Schlachtflotte konnte zu keinem Zeitpunkt die britische Seeherrschaft gefährden. So sahen das jedenfalls Winston Churchill und Sir Joseph Fisher Sealords des brit. Empires [8].

Die Deutsche Flotte war zu unbedeutend, um den Engländern als lohnenswerter Verhandlungsgegenstand zu erscheinen. 1908 hatte Lloyd George das Größenverhältnis zwischen britischer und deutscher Flotte auf 3:2 festlegen wollen. 1912 wollte das Haldane ändern und 1913 akzeptierte der Erste Lord der (brit.) Admiralität Winston Churchill ein Verhältnis von 16 :10 [7].

Am 19. August 1915 sagte rückblickend Reichskanzler Bethmann-Hollweg im Reichstag über die Neutralitätsverhandlungen:

» Zunächst machten wir, um dauernde Beziehungen zu England zu erreichen, den Vorschlag eines unbedingten gegenseitigen Neutralitätsversprechens ...
Inzwischen hatte England seinerseits folgende Formel vorgeschlagen: England wird keinen unprovozierten Angriff auf Deutschland machen und sich einer aggressiven Politik gegen Deutschland enthalten...
Ich habe [...] mich bereit erklärt, auch diesen englischen Vorschlag zu diskutieren, mit der einen Bedingung, es möge der englische Vorschlag durch folgenden Zusatz ergänzt werden: "England wird daher wohlwollende Neutralität bewahren, sollte Deutschland ein Krieg aufgezwungen werden." ... England hielt es für ein Zeichen besonderer Freundschaft, durch feierlichen Vertrag zu besiegelnder Freundschaft, daß es nicht ohne Grund über uns herfallen würde, behielt sich aber freie Hand für den Fall vor, daß das seine Feinde täten ...
Der Hergang ist meines Wissens bisher in England niemals vollständig mitgeteilt worden - allerdings in Bruchstücken, aber auch da nicht richtig. Der englische Ministerpräsident Mr. Asquith hat am 2. Oktober 1914 in Cardiff über die Sache gesprochen.... "Sie [die Deutschen] forderten, wir sollten uns absolut zur Neutralität für den Fall verpflichten, daß Deutschland in einen Krieg verwickelt werden sollte"
...Diese Behauptung von Mr. Asquith ist eine Entstellung des Sachverhalts. ...und ich halte mich berechtigt, zu sagen, daß er damit die öffentliche Meinung in England in unverantwortlicher Weise irregeführt hat [11]

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Fortsetzung.

Bezüge:

[3] Kaiser Wilhelm II. sich auf die Veröffentlichung "Vindication of Great Britain" beziehend: »Therein his services toward forming a regular General Staff and preparing the British army for World War are placed in a bright light and emphasis is laid on the skill with which he [TV: Haldane] utilized the permission obtained from the Prussian War Ministry in order to learn in Germany about military matters and to reorganize the British army and General Staff, to the minutest detail and on the German model, for the coming war against the erstwhile German hosts.«

Quellen:

[ 1] Daily-Telegraph vom 28.10.1908
[ 2] The Manchester Guardian vom 01.09.1917
[ 3] Kaiser Wilhelm II., The Kaiser's Memoirs New York, London 1922 S. 161 f.
[ 4] Tirpitz, Alfred v., Erinnerungen Leipzig 1919 S. 186 ff
[ 5] Mommsen, Wolfgang J., War der Kaiser an allem schuld Berlin 2005 S. 183
[ 6] Tirpitz, Alfred v., a.a.O. S. 202
[ 7] Tirpitz, Alfred v., a.a.O. S. 201
[ 8] Straub, Eberhard, Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Berlin 2008 S. 296
[ 9] Brentano, Lujo, Die Urheber des Weltkriegs. München 1922 S. 65
[10] Docherty, Gerry und Macgregor, Jim Verborgene Geschichte. Rottenburg 2014 S. 222f
[11] Bethmann-Hollweg, Theobald von, Verhandlungen des Reichstages Bnd. 306, Berlin 1916 S. 216f

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