Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Die Flottenpresse.

Das Deutschland des Biedermeiers war ein der Willkür seiner Nachbarn ausgelieferter Staatenbund. Kein Engländer sah in dem schlafmützigen deutschen Michel einen Militaristen. 1871 einte Bismarck die deutschen Fürstentümer. Im neu erstandenen "Deutschen Reich" kam Preussen die führende Rolle zu. Von 1871 bis 1906 fanden viele grausame Kriege statt, Kriege in denen sich vor allem Engländer, Franzosen, Russen und Türken grausame Gefechte lieferten. Wie konnte da aus dem Deutschen Michel der bestialische Hunne werden?

Gewiß spielte es eine Rolle, daß die Engländer den Deutschen das Kommando zur Niederschlagung des Boxeraufstandes zuspielten und daß sich Kaiser Wilhelm II. in seiner frei gehaltenen Rede zu markigen Worten hinreißen ließ, die, hätte er sie nicht gebraucht, nichts geändert hätten. Und es ist auch nicht seltsam, daß den Engländern die Rettung ihrer Landsleute in China durch das deutsche Militär so viel weniger wichtig war, als diese sog. Hunnenrede des Kaisers.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es in der spanischen Kolonie Kuba zu Unruhen. Das zur Sicherung amerikanischer Bürger und Interessen 1898 entsandte U.S.-amerikanische Kriegsschiff U.S.S. Maine, sinkt infolge einer Explosion im Hafen von Havanna. Bevor die Ursache der Explosion untersucht war, kannte Pressetycoon William Randolph Hearst die Schuldigen und hetzte zum Krieg gegen Spanien: "Remember the Maine, to hell with Spain". Damit bereitete er seinem Harvardkollegen und ehemaligem Redakteur des "Harvard Advocate" Theodor Roosevelt die Möglichkeit mit seiner Privatarmee den Rough Riders jene Meriten im Töten zu erringen, die diesem die Vizepräsidentenschaft eintrugen [1].

Am 27.04.1901 veröffentlicht die englische Saturday Review den Artikel "The German Navy and America". Dieser Artikel erscheint am selben Tag mit dem selben Text in vielen U.S.-amerikanischen Zeitungen. Der Artikel suggeriert dem Leser, Ziel des deutschen Flottenprogramms sei die Gewinnung von Kolonien im U.S.-amerikanischen Interessengebiet (sprich Süd-, Mittelamerika und Pazifik). Kurze Zeit darauf aber noch pünktlich, am 14.09.1901, wird der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika William McKinley umgebracht und mit dem Beginn von Roosevelts Amtszeit bedeutet der Fall Rot für die US-Navy nun nicht mehr Krieg gegen England [2].

1906: Die Anzahl der von der Bevölkerung Englands gemeldeten, deutschen Spione steigt in diesem Jahr sprunghaft an. Infolge (1907) wird von der Regierung ein Untersuchungsausschuß (Committee of Imperial Defense) eingesetzt, der zunächst feststellt, daß alle ihm vorgelegten Meldungen falsch oder gefälscht waren, um dann 1909 die MI5 (Military Inteligence - Abwehr) und SIS (Inteligence Service - Spionage) zu gründen [3].

»Admiral Fisher hat es auch im Frühjahr 1906 unserem Marineattaché gegenüber offen ausgesprochen, daß die Flottenpanik nichts weiter wäre als eines der üblichen Manöver, um das Parlament und die Nation für die Annahme größerer Wehrvorlagen vorzubereiten. Die hieraus folgende Trübung des Urteils im britischen Publikum und den wachsenden Einfluß der kriegstreiberischen Northcliffepresse hatten wir dabei als bedauerliches, aber nicht entscheidendes Übel in Kauf zu nehmen.« [4]

William LeQueux hatte 1906 seinen Roman "The Invasion of 1910" veröffentlicht. Eine Million Exemplare wurden von dem Buch verkauft. Wer es nicht gelesen hatte, durfte ihn als Fortsetzungsroman in Northcliffes "Daily Mail" lesen. Um möglichst vielen Lesern der "Daily Mail" das Fürchten zu lehren, paßte Northcliffe die Invasionsroute dem Verbreitungsgebiet seiner Zeitung an [5].

1904 legte Großbritannien das erste Schlachtschiff der Dreadnought-Klasse auf Kiel. Die USA zogen ein Jahr später nach. Deutschland stellte mit SMS Nassau im März 1908 das erste deutsche Großkampfschiff in Dienst. Die Katastrophe war perfekt. So machten im Herbst 1908 neue "Berichte" die Runde, bestätigt vom brit. Militärattaché in Berlin und vom brit. Konsul in Danzig nach denen Deutschland über das angegebene Maß den Bau der Schlachtschiffe vorantreibt [6].

1909 legte LeQueux mit einem noch wilderen Roman "Spies of the Kaiser: Plotting the Downfall of England" nach.

»Die britische Regierung ergriff den hierin [TV: der navy scare] liegenden Agitationsstoß, um die Stapellegung von vier weiteren, im ganzen also acht Dreadnoughts im Jahr 1909 ihrem Publikum mundgerecht zu machen. Man gebrauchte gerne den Trick, die im Bau befindliche deutsche Flotte möglichst in ihrem erst 1920 zu erreichenden Endzustand, die britische hingegen in ihrem zeitigen Zustand von 1908 einander gegenüberzustellen. Der britische Steuerzahler, dem die tatsächlich erdrückende Überlegenheit der britischen Flotte nicht mit derselben Anschaulichkeit bewußt sein konnte wie der britischen Admiralität, wurde durch eine ebenso geschickt wie gewissenlose amtliche und Presseagitation mit Unruhe erfüllt und dadurch zu größeren Geldopfern willig gemacht. Invasionsangst und nervöse Furcht vor deutschen Kriegsschiffen, Zeppelinen und Spionen begann die Gesellschaft und die Massen Englands zu durchdringen.« [7]

Am 9.11.1911 bestätigte der Erste Lord der Admiralität Winston Churchill "daß die Erklärungen des deutschen Ministers über den Bauplan durch die Ereignisse genau bestätigt werden" [8].

"Seit Bismarck Deutschland 1870 geeint hat, wurde Deutschland für den Rest der Welt zum Problem. Deutschland ist die bevölkerungsreichste und disziplinierteste Nation in Europa und hat ein industrielles Potential zur Verfügung das lediglich dem der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nachsteht. In einem Wort: Deutschland ist aufgrund seines natürlichen Vermögens die mächtigste Nation Europas und sofern man der Natur ihren Lauf läßt, ist es dazu bestimmt die Kontrolle über ganz Europa zu erlangen. Es ist genau diese Kontrolle, die anzunehmen sich Europas Nationen weigern; um das zu verhindern, fochten sie zwei verheerende Kriege." [9]

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Fortsetzung.

Bezüge:

[9] Henry Morgenthau in Germany and the Future of Europe: "Since Bismarck unified Germany in 1870, Germany has presented a problem to the rest of the world. Germany is the most populous and the most disciplined nation in Europe and has at her disposal an industrial potential inferior only to that of the United States and of the Soviet Union. In one word, Germany, by her natural equipment, is the most powerful nation in Europe and, if nature is allowed to take its course, is bound to gain control over all Europe. Yet it is this control which the nations of Europe refuse to accept; to forestall it, they have fought two devastating wars."

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Quellen:
[ 1] Bethke, Martin S. 84
[ 2] Schulze-Rhonhof, Gerd, 1939 Der Krieg der viele Väter hatte, München 2012, S. 33
[ 3] Andrew, Christopher, MI5, Berlin 2011, S. 36 ff
[ 4]
Tirpitz, Alfred von, Erinnerungen, Leipzig 1919, S. 177
[ 5]
Andrew, Christopher, a.a.O, S. 26 ff
[ 6]
Andrew, Christopher, a.a.O, S. 29
[ 7]
Tirpitz, Alfred von, a.a.O., S. 176 f.
[ 8]
zitiert nach Tirpitz, Alfred von, a.a.O., S. 176.
[ 9]
Morgenthau, Henry, Germany and the Future of Europe, 1951, Preface

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