Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Vom liberalen Staat zum Nationalsozialismus

Bei der inhaltlichen Bestimmung des deutschen Liberalismus muß man notwendigerweise großzügig verfahren. »Die Nationalliberale Partei steht in unverbrüchlicher Treue zu Kaiser und Reich.« So steht das im Programm der Nationalliberalen Partei 1881 aber auch 1907. Zur Erinnerung: Die Nationalliberale Partei war nach Sozialdemokraten und dem christlichen Zentrum die drittstärkste Partei des Reichstages ab 1912.
Kurt Eisner schrieb 1910 in "Die Tragikomödie des deutschen Liberalismus": »Von zwei Klippen ist die deutsche bürgerliche Politik niemals losgekommen: von einem starren Doktrinarismus, der seine Feigheit tätiger Verantwortung hinter die Pflicht verschanzt, unantastbare Grundsatze in voller Reinheit zu erhalten, und von seinem Gegenspiel, wirklich grundsätzliches Handeln in eine überzeugungs- und richtungslose leere Betriebsamkeit aufzulösen, die immer siegt, indem sie nie eine Schlacht wagt.«

»Es ist ein Widersinn, wirtschaftlich das Leben auf dem Gedanken der Leistung, des Persönlichkeitswertes, damit praktisch auf der Autorität der Persönlichkeit aufzubauen, politisch aber diese Autorität der Persönlichkeit zu leugnen und das Gesetz der größeren Zahl, die Demokratie an die Stelle zu schieben«, so Hitler in seiner Rede vor dem Düsseldorfer Industrieclub am 27.01.1932.

Dem Verlust der Glaubwürdigkeit der sich - auch mithilfe von Notstandsgesetzen - Richtung Totalitarismus bewegenden liberalen Politik (Brüning, Papen, Schleicher) unter Beibehaltung einer formellen Demokratie stand auf Seiten der NSDAP der mit dem Führerprinzip einhergehende klare Bruch mit der Demokratie gegenüber.

Hier wurde nicht debattiert, hier folgte man einem Führer und dieser Führer verpflichtete sich für das Wohl der Volksgemeinschaft "unter Einsatz seines Lebens rücksichtslos einzutreten" (vgl. Programm der NSDAP). Hitlers Glaubwürdigkeit entsprang der Praxis in der NSDAP. Die Anerkennung als unumstrittener Führer in seiner Partei ermöglichte es erst, in diesem Mann auch den Führer des deutschen Volkes sehen zu können.

Andere Parteien waren von der Zerstrittenheit und Unentschlossenheit geprägt, die dem Bild des Parlamentarismus, der Weimarer Republik generell entsprach. Das erfolglose Debattieren hier in den liberalen Parteien, da im Parlament, waren in der Wahrnehmung vieler Menschen zu einer untrennbaren Einheit gekoppelt, konotiert mit Mißerfolgt und sozialer Not, für die keiner die Verantwortung zu übernehmen schien.

Demgegenüber zeigte sich die NSDAP als die Partei der Tat und der Bewegung [1], in der sich durch die Einigung auf einen Willen die Kräfte erfolgreich bündeln ließen . Wenn alle durch Hitler geeint wären, so würde Deutschland zu dem Glanz finden, der den Inszenierungen der Partei entsprach. Der auf Parteiebene inszenierte Erfolg [2]  stärkte die Wahrnehmung der Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen Erfolges im nationalen Rahmen.

Bevor die NSDAP die Macht im Staate übernahm, hatte sie auch das bereits als Inszenierung in der Partei [3] den Menschen zur Vorstellung gebracht, vorstellbar werden lassen. Die Barriere auf dem Weg von einer mit Notstandsgesetzen ausgehebelten parlamentarischen Demokratie zum autoritär totalitären Führerstaat wurde aufgelöst.

Unter Berücksichtigung der vielen Menschen, die entweder tatsächlich sozial ausgegrenzt waren oder befürchteten, sozial ausgegrenzt zu werden, die alle in einem Land lebten, das nach dem verlorenen Krieg von 1914 bis 1918 auf internationaler Bühne das selbe Schicksal erfuhr, mußte Hitlers Konzept zwangsläufig aufgehen.

Hitler befreite die arbeitslosen und vor allem die Menschen, denen es nicht gelang, trotz Arbeit der Not und Armut zu entrinnen aus ihrer Resignation, maß ihnen und ihren Fähigkeiten einen Wert zu und integrierte sie in eine Gesellschaft in der ein jeder unabhängig von Klasse und Stand (wenn auch nicht von der Rasse) die Nützlichkeit des anderen anzuerkennen hat [4]

Daß nur ein Drittel der gültigen Stimmen bei den letzten Reichtagswahlen auf die NSDAP entfielen hat eine Reihe von Gründen. An der Stelle sei nur der menschenverachtende Haß und die Gewalt gegenüber all jenen Menschen genannt, denen man die Schuld an dem Leid in Deutschland zuschrieb. Es waren Mitmenschen, Nachbarn, Verwandte, die auf der Straße von der SA zusammengeschlagen wurden, was Worte wie das von der Volksgemeinschaft als blanken Zynismus demaskierte.

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Fortsetzung.

Bezüge:

Hans-Ulrich Thamer:
[1] "Die NSDAP zog den größten Nutzen aus der Wirtschafts- und Staatskrise, die die Glaubwürdigkeit sowohl der liberal-kapitalistischen Wirtschaftsordnung wie des parlamentarisch-demokratischen Verfassungsstaates endgültig erschütterte." S. 63

[2] "Durch Parteitage (1926 zunächst in Weimar, seit 1927 in Nürnberg) und durch die Permanenz der Wahlkämpfe mit ihren Massenkundgebungen, ihren Fahnen, Appellen und ihrer Massenchoreographie, mit Werbefilmen, Lautsprecherübertragungen und den spektakulären Deutschlandflügen mit der vieldeutigen Parole »Hitler über Deutschland« im April 1932 wurde eine Allgegenwart des Nationalsozialismus suggeriert, die einerseits Entschlossenheit und Dynamik, andererseits technische Modernität und jugendlichen Aktivismus signalisierte, immer aber die charismatische Stellung Hitlers unterstrich." S. 64f

[3] "Dem Staatsapparat nachempfundene »Ämter« für Außenpolitik, Presse, Politik in den Betrieben, Rechtsfragen, Technik, usw. kamen hinzu und führten zum ambitiösen Ausbau eines »Schattenstaates«, der propagandistisch wirksam den Machtanspruch der Partei repräsentierte..." S. 60

Adolf Hitler:
[4] "Es ist nicht nützlich, dem Arbeiter seine Bedeutung zu erklären, dem Bauern die Notwendigkeit seiner Existenz zu beweisen, zum Intellektuellen zu gehen, zum Geistesarbeiter, um ihm die Wichtigkeit seines Tuns beizubringen. Notwendig ist, einem jeden Stand die Bedeutung des anderen zu lehren." S. 173

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Quellen:
Thamer, Hans-Ulrich, Der Nationalsozialismus Stuttgart 2002
Hitler, Adolf, Rede zum Ersten Mai 1933 aus Hg.: Weber, Klaus, Faschismus und Ideologie Hamburg 2007
[a] Programm der Nationalliberalen Partei von 1881

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