Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Hydra.

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Die Burschenschaften.

Die Burschenschaft trat an mit dem Vorsatz: »Sichtbar muß auf den Universitäten das Volksgefühl in einer eigenen Bildung hervortreten, damit wir uns stets des gemeinsamen Vaterlandes erinnern... [ 1]«. Als Farben behielten sie gemäß des Turnvaters Rat die Farben der Lützowschen Jäger bei: Schwarz Rot Gold [ 2].

Radikaler gesinnt waren die Mitglieder der, aus der "Deutschen Gesellschaft" hervorgegangenen, Gießener Schwarzen [ 3]:

Brüder in Gold und Seid,
Brüder im Bauernkleid,
Reicht euch die Hand!
Allen ruft Deutschlands Not,
Allen das Herren Gebot.
Schlagt eure Plagen tot,
Rettet das Land!

Ein begeisterter Anhänger Jahns, Robert Wesselhöft, ein Mitgründer der Burschenschaft in Jena, lud am 11. August 1817 gemeinsam mit Scheidler, Horn und Riemann (den führenden Mitgliedern der Jenaischen Burschenschaft) zum Fest auf die Wartburg [ 4]. Zur Feier des 300. Jahrestages der Reformation und der Leipziger Völkerschlacht ging ein Rundschreiben an die 13 protestantischen Universitäten.

Es kamen 468 Studenten. Jede Universität hatte zumindest einen Abgesandten geschickt. Zudem kam ein Vertreter der Studenten der Freiberger Bergakademie und der Forstakademie Tharandt.

Der Student Riemann legte wenige Monate später ein Dokument vor, in dem die Grundsätze und Beschlüsse des Wartburgfestes festgehalten sind [ 5].

»Ein Deutschland ist, und ein Deutschland soll sein und bleiben.« Gewarnt wurde vor einem Bruderkrieg zwischen Nord- und Süddeutschland.
»Der Wille des Fürsten ist nicht Gesetz des Volkes, sondern das Gesetz des Volkes soll Wille des Fürsten sein.«
»Die Leibeigenschaft ist das Ungerechteste und Verabscheuungswürdigste... Der Mensch ist nur frei, wenn er auch die Mittel hat, sich selbst nach eigenen Zwecken zu bestimmen.«

Man forderte Rede und Pressefreiheit und erachtete es als »dringende Pflicht die Wahrheit laut zu sagen.« Deutsche Sitten wollte man einführen, was wohl nicht zuletzt durch die Entfremdung der Menschen, von den sich - in ihrem lange Zeit französischen Gehabe - von ihnen abgrenzenden Fürsten und nicht zuletzt durch das französische Regime, verursacht worden war.

Auf dem Burschentag vom 10.10.1818 in Jena wurde die Allgemeine Deutsche Burschenschaft gegründet. Auch ihre Farben waren Schwarz Rot Gold, zusätzlich noch versehen mit einem Eichenzweig. Ihr Wahlspruch: »Ehre, Freiheit, Vaterland [ 6]

Es hat von reaktionärer Seite, allen voran Metternich, seit dem Wartburgfest wiederholt Bemühungen gegeben, gegen die, von den Universitäten ausgehende, Bewegung für einen deutschen Nationalstaat vorzugehen. Was Preußen anbelangt, hatte König Friedrich Wilhelm III. es unterlassen, die versprochene Verfassung rechtzeitig zu erlassen. Maßgeblichen Anteil an der Verunsicherung des Königs, ob der Kurs seiner Reformer Hardenberg und Humboldt richtig sei, hatte die sich seit dem Tod Louises einschleimende Hofkamarilla, namentlich der Hugenotte Ancillon, die Gräfin Voß sowie Fürst Wittgenstein [ 7] [ 8].

Hinzu trat ein für das Bürgertum, d.h. die Wirtschaft desaströses Steuer- und Zollsystem, das innerhalb Preußens den freien Warenverkehr blockierte, und einen wachsenden Protest des Bürgertums hervorbrachte. Die Erarbeitung der Verfassung hatte der König in die Hände Hardenbergs gelegt. Zur Beseitigung der Binnenzölle (Zollgesetz vom 11. Juni 1816) und zur Vereinfachung des Steuerrechts (26. Mai 1818) verließ sich der König vor allem auf Humboldts Expertise [ 9].

Bevor beide Ergebnisse vorlegen konnten, hatte sich ein Teil der Studenten radikalisiert [10] und es trat eine, vor allem auf die Verfassung abzielende, bürgerliche Bewegung hinzu, die maßgeblich vom rheinischen Bürgertum, das von der liberalen Gesetzgebung Napoleons besonders profitiert hatte, getragen wurde [11]. Reformen sollten nun nicht mehr mit dem König durchgeführt werden, sondern gegen ihn [12].

Ancillon, Wiens Walzer in Berlin.

Das stärkte die Position der reaktionären Kamarilla am Hofe. Dennoch hielt Friedrich Wilhelm III. an Hardenberg fest.

Im Zusammenhang des, von Rußland im Herbst 1814 auf dem Wiener Kongreß vorgelegten, Memorandums zur Bildung der Heiligen Allianz, wurde das Schreckensbild einer Revolution gezeichnet, das der Scharfmacher Metternichs Gentz in den blutigsten Farben auszumalen wußte.

Von Wien aus wurden Gerüchte über Verschwörungen und beabsichtigte, gewaltsame Umstürze ausgestreut. Die Ermordung des erzkonservativen Schriftstellers Kotzebue durch den dem Kreis der "Unbedingten" angehörenden Karl Sand am 23. März 1819 kam den üblen Diplomatikern und Staatenaufstellern beim Umkrempeln Europas in der Fratze scheinbar restaurierter aristokratischer Herrschaft entgegen [13]. Metternich: »Hier wird wahres Uebel auch einiges Gute erzeugen, weil der arme Kotzebue nun einmal als ein argumentum ad hominem dasteht, welches selbst der liberale Herzog von Weimar nicht zu vertheidigen vermag. Meine Sorge geht dahin, der Sache die beste Folge zu geben, die mögliche Partie aus ihr zu ziehen, und in dieser Sorge werde ich nicht lau vorgehen[14]

Friedrich von Gentz, der von England bezahlte Premier Secretaire au Congres de Vienne [15], ließ den Präsidenten der obersten Polizei und Zensurstelle in Wien Graf Josef von Sedlnitzky die Statuten und Protokolle der Burschenschaft drucken und geheim überall in Deutschland verteilen, um den Anschein zu erwecken, als stünden die Jakobiner schon bereit, dem Adel die Köpfe abzuschlagen. Anzunehmen, daß die kleine Gruppe radikalisierter Studenten, über das Vermögen verfügte, eine Revolution zu veranstalten, war und ist absurd [16].

Die auf dem Aachener Kongreß diskutierten Maßnahmen wurden auf der vom 6. bis 31 Aug. 1819 in Karlsbad tagenden Konferenz beschlossen (Universitätsgesetz, Pressegesetz, Untersuchungsgesetz, Exekutionsordnung) und am 20. Aug. 1819 vom Bundestag gebilligt. Aus Frankreich tönt Kritik an den Karlsbadener Beschlüssen und Gentz versucht sich an einer Widerlegung. Varnhagen kommentiert: »...sein Aufsatz ist hochfahrend und leer; sehr armselig und schlecht für die Lesewelt berechnet, die sich so leicht nicht mit hohlen Redensarten abfinden läßt [17]

In Preußen paaren sich Dummheit mit Dreistigkeit: »Der Adel soll alles sein, zwischen Volk und König stehen, unabhängig von diesem und herrschend gegen jenes [18] Graf Goltz schrieb aus Paris von einem drohenden Umsturz, der französische König wurde von der Abgeordnetenkammer ausgepfiffen. In Preußen drängen die zu kurz gekommenen Offiziere zum Krieg [19].

Die "unabhängige" preußische Partei Fürst Wilhelm Ludwig von Sayn-Wittgenstein (Freund des britisch-hannoveranischen Ernst August, Herzog von Cumberland) samt Jean Pierre Frédéric Ancillon (Freund des Grafen Karl Johann Clam-Martinic, Chef der Militärsection im österreichischen Staatsrath) spalteten die preußische Regierung [20].

Hardenberg notierte »Ancillons Gutachten über die Karlsbader Sache. Sehr schlimm. Es ist die höchste Zeit. Entweder oder. Die Beamten, viele Offiziere, Lehranstalten angesteckt. Oberpräsident Merckel und Schön. Die Jugend wird verdorben...
...In der größten Gefahr stand ich allein mit dem königlichen Vertrauen. Nur weil ich allein konnte ich etwas leisten. Jetzt wieder. Der Kriegsminister ist fort. Ist viel, hilft aber nichts, wenn Beyme und Humboldt zusammenbleiben. B. und H. müssen dispensirt werden [21]

Auch Preußen stimmte den Karlsbadener Beschlüssen zu. Humboldt (zu dieser Zeit Minister für ständische Angelegenheiten) und Boyen (Kriegsminister), Großkanzler Beyme und General Grolmann traten dem mit dem Argument - der König von Preußen und mithin Preußen trete bei Zustimmung einen Teil seiner Souveränität ab - entgegen und wurden daraufhin entlassen. Hardenberg paßte sich, im Bestreben an der Macht zu überwintern, dem geänderten Klima an, um nach einer Stabilisierung der Lage seinen Verfassungsvorschlag verwirklichen zu können. Dazu kam es nicht. Hardenberg starb im Nov. 1822. Ein gutes halbes Jahr später am 5. Juni 1823 erließ der König das "Allgemeine Gesetz wegen Anordnung der Provinzialstände". Damit hatte in den Provinzialständen, die selbst über keine nennenswerten Rechte verfügten, der Adel das Sagen [22]?

Auch die klügeren deutschen Fürsten, wie etwa in Sachsen-Weimar, mußten sich, angesichts der Drohung, im Fall einer Weigerung, Bundestruppen auf sich zu ziehen, dem System Metternich beugen [23].

Das System Metternich bestand

Das Ende der Epoche.

Humboldt sah voraus, daß die Umsetzung der Karlsbader Beschlüsse unweigerlich zur Revolution führen müsse. Die Burschenschaften wurden zerschlagen, gründeten Tarngesellschaften und geheime Organisationen. Studenten, Professoren wurden verhaftet. Metternich etablierte sein Terrorregime in ganz Deutschland und sorgte unfreiwillig dafür, daß so die Idee: »Das ganze Deutschland soll es sein« erhalten blieb.

Am 26.3.1829 verstarb Humboldts Gattin. Kurz zuvor am 12. Febr. schrieb er an Goethe: »Das Zusammenleben mit meiner Frau war und ist die Grundlage meines Lebens, ich fühle mich daher in meinem Innersten angegriffen und zerstört [24]

Einer, der das nur zu gut nachempfinden konnte, war der König selbst. Wenige Wochen nachdem Humboldts Frau verstorben war, am 8. Mai 1829, wurde Humboldt zum Vorsitzenden einer Kommission für die Einrichtung des Staatlichen Museums ernannt. Am 15.9.1830 verlieh ihm König Friedrich Wilhelm III. den Schwarzen Adlerorden und berief ihn wieder in den Staatsrat [25].

Was die Folgen der Karlsbader Beschlüsse anbelangt, sollte Humboldt recht behalten. 1830 kam es in Preußen zu Unruhen. Die Helden und großen Geister von einst waren alt geworden, so sie denn überhaupt noch am Leben waren:

       image/svg+xml Königin Louise († 1810),
Scharnhorst († 1813),
Fichte († 1814),
Blücher († 1819),
Hardenberg († 1822),
Yorck († 1830),
Clausewitz († 1831),
Gneisenau († 1831),
Hegel († 1831),
Freiherr vom und zum Stein († 1831),
...

Eine neue Generation war gefragt, Preußen zu festigen, Staat und Menschen in Übereinstimmung zu bringen. Die so nah geglaubte deutsche Einheit ließ noch weitere 40 Jahre auf sich warten.

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Bezüge:

[A] Wilhelm von Humboldt: »Der Staat muss, in Absicht der Gränzen seiner Wirksamkeit, den wirklichen Zustand der Dinge der richtigen und wahren Theorie insoweit nähern, als ihm die Möglichkeit dies erlaubt, und ihn nicht Gründe wahrer Nothwendigkeit daran hindern. Die Möglichkeit aber beruht darauf, dass die Menschen empfänglich genug für die Freiheit, welche die Theorie allemal lehrt, dass diese die heilsamen Folgen äussern kann, welche sie an sich, ohne entgegenstehende Hindernisse, immer begleiten; die entgegenarbeitende Nothwendigkeit darauf, dass die, auf einmal gewähret Freiheit nicht Resultate zerstöre, ohne welche nicht nur jeder fernere Fortschritt, sondern die Existenz selbst in Gefahr geräth. Beides muss immer aus der sorgfältig angestellten Vergleichung der gegenwärtigen und der veränderten Lage und ihrer beiderseitigen Folgen beurtheilt werden [26]

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Quellen:
[ 1] Obermann, Karl, a.a.O., S. 48
[ 2] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 422
[ 3] ebd. S. 49ff
[ 4] Kaupp, Peter, Aller Welt zum erfreulichen Beispiel, www.burschenschaft.de, aufgerufen am 11.06.2017
[ 5] Zitate entnommen Obermann, a.a.O., S. 50f
[ 6] Wreden, Ernst Wilhelm, Grundriß der burschenschaftlichen Geschichte im Handbuch der Deutschen Burschenschaften 1998
[ 7] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 462
[ 8] Obermann, Karl, a.a.O., S. 25
[ 9] Maskolat, Henny, Wilhelm von Humboldt 1767 - 1967, Halle 1967 S. 39 und S. 50f
[10] Wreden, Ernst Wilhelm, a.a.O.
[11] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 467
[12] Obermann, Karl, a.a.O., S. 56
[13] ebd. S. 53
[14] Zitat entnommen Bleyer, Alexandra, a.a.O., S. 87
[15] Günzel, Klaus, Der erste Sekretär Europas, Die Zeit vom 17.04.1992
[16] Obermann, Karl, a.a.O., S. 53
[17] Varnhagen von Ense, Karl August, Blätter aus der preussischen Geschichte Bnd. 1, Leipzig 1868, S. 7
[18] ebd. S. 5
[19] ebd. S. 19
[20] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 456
[21] Treitschke, Heinrich von, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert Zweiter Theil, Leipzig 1882, S. 638
[22] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 464f
[23] Obermann, Karl, a.a.O., S. 53
[24] Freese, Rudolf, Wilhelm von Humboldt - Sein Leben und Wirken, 1953, S. 907
[25] Maskolat, Henny, a.a.O., S. 40
[26] Humboldt, Wilhelm von, Wilhelm von Humboldt's gesammelte Werke Bnd. 7, Berlin 1852, S. 185

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