Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Hydra.

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Weder Einigkeit, noch Recht und keine Freiheit!

England brauchte keine Wirtschaftskonkurenten und einen Absatzmarkt für seine Waren. Österreich stellte das sicher. Hier trafen sich Metternichs Legitimitätsprinzip, der alte Herrscher ist der neue Herrscher, mit den Erfordernissen der britischen Wirtschaft. Deutschland und Italien werden zerstückelt dem österreichischen Interessensgebiet zugeordnet [ 1]. Preußen, vertreten auf dem Wiener Kongreß durch Hardenberg und Wilhelm von Humboldt gelang es nicht, seine Vorstellungen von einer starken deutschen Zentralmacht unter der gemeinsamen Führung Preußens und Österreichs durchzusetzen [ 2], da die Kleinstaaten sich gerne von der einen und anderen Großmacht dazu mißbrauchen ließen mal gegen Preußen, mal gegen Österreich aufzutreten oder die Versuche Englands und Frankreichs eine Spaltung Rußlands und Preußens mithilfe des einen oder anderen Interessenkonfliktes auch zwischen Preußen und Österreich herbeizuführen.

Für die mit dem Ideal eines deutschen Nationalstaates, der die Gesamtheit der deutsch sprechenden Menschen in einem einzigen, auf eine Verfassung gegründeten Staat vereinigt, in den Befreiungskrieg gezogenen Studenten, waren die Ergebnisse des Wiener Kongreß eine herbe Enttäuschung. Dem entsprechend war die Stimmung der, aus den Freikorps 1815 an die Universitäten zurückgekehrten, Studenten.

Anstelle des geeinten Nationalstaates wurde auf dem Wiener Kongreß ein Deutscher Bund vereinbart, in dem der König von England (als Kurfürst/König von Hannover), der König von Dänemark (als Herzog von Holstein) und der König der Niederlande (als Großherzog von Luxemburg) Sitz und Stimme hatten [ 3] [ 4][A]. Kaiser Alexander I. von Rußland war der irrigen Meinung gemeinsam mit Preußen einen Befreiungskrieg geführt zu haben an dessen Ende die Heiligen Allianz verbrüderter Völker stünde.

Die Heilige Allianz.

Metternich paßte Alexanders Vorschlag einer Heiligen Allianz seinem Herrschaftsverständnis an.
Daß sich gemäß der Bibel ALLE Menschen als Brüder betrachten sollten und sich »die Staatsangehörigen der vertragschließenden Parteien durch die Bande einer wahren Brüderlichkeit verbunden bleiben « ging gar nicht. Kaiser Franz als Bruder eines Leibeigenen? Undenkbar. Metternich reduzierte die Bruderschaft auf die drei unterzeichnenden Monarchen.
Der Passus Alexanders, nachdem die Monarchen und ihre Untertanen »Glieder einer und derselben christlichen Nation wären« ging auch nicht. Metternich verbesserte: Die drei Souveräne nebst denen von ihnen Regierten (nur um die Verhältnisse klar zu rücken) sind drei Zweige einer Familie (Papa Franz hier, das Volk als unmündiges Kind da).
Die Verbreitung der christlichen Werte fand Metternich zu abgeschmackt. Besser die drei Monarchen stehn sich bei, um ihren Untertanen Brüderlichkeit und Gerechtigkeit - wenn´s denn sein mußte, mit militärischer Gewalt - beizubringen [ 5].

Da ganz Europa - bis auf Papst [B], Sultan und England (Castlereagh sah in der Heiligen Allianz »ein Stück sublimen Mystizismus und Unsinn«) der Heiligen Allianz beitrat, fühlten sich die Großmächte in der Minderheit. Deshalb wurde am 20. Nov. 1815 die Erneuerung der Quadrupelallianz (Großbritannien, Österreich, Rußland und Preußen) beschlossen.

Bedeutsam blieb die Heilige Allianz nur als Kampfbegriff gegen Kaiser Alexander und Metternich. Letzterer verteidigte sich in seinem späteren Leben: »Die Heilige Allianz war nicht eine Stiftung zur Niederhaltung der Volksrechte, zur Beförderung des Absolutismus und irgendeiner Tyrannei. Sie war lediglich der Ausfluß einer pietistischen Stimmung des Kaisers Alexander und der Anwendung der Grundlage des Christentums auf die Politik« [ 6].

Deutschland erfindet sich.

Napoleon hatte auf deutschem Gebiet neue Staaten gegründet, einen erheblichen Teil okkupiert und durch die Umwidmung von Herzogtümern zu Königreichen Staaten geschaffen, die sich schwerlich einem deutschen Souverän unterordnen sollten. Napoleon löste die staatliche Ordnung in Deutschland auf und mit seinem Untergang entstand ein freies Feld, das den Geist nicht nur der Diplomatiker und Staatenaufsteller herausforderte. Wir begegnen vielen Namen, deren Ideen jede für sich genommmen zu einem untauglichen Schluß geführt haben würde, die aber in ihrem Wechselspiel miteinander das deutsche Kaiserreich hervorbringen sollte.

Die Verdienste der Soldaten und Politiker nicht vergessend, muß das aus den deutschen Hochschulen hervorgegangene Gestrüpp aus Professoren, Theologen und Studenten betrachtet werden, noch bevor man das nachhaltigere Wirken des Unternehmertums beleuchten kann. Auf dem Schlachtfeld Deutschland tummeln sich also restaurative Kräfte, aufgeklärte Monarchisten, Moralisten und Liberale. Nicht zu vergessen ist, daß die Entwicklung in Deutschland nicht ohne Einflußnahme von ausländischer Seite vonstatten ging.

Turnvater Jahn.

Bereits 1810 beschäftigte sich Friedrich Ludwig Jahn in einer gemeinsam mit Friedrich Friesen verfassten Ausarbeitung für den geheimen "Deutschen Bund" mit Überlegungen zur Gründung einer deutschen Burschenschaft (dh. einer einzigen und zwar deutschen Studentenverbindung), die Moral und den "deutschen Sinn" zu entwickeln, den Kampf gegen die französischen Besatzer aufzunehmen [ 7]. Bei Ablegung der verpflichtend gewordenen Lehrerprüfung im selben Jahr scheiterte Jahn, wurde aber durch Wilhelm von Humboldt dem Seminar für Gelehrte Schulen am Grauen Kloster zugewiesen, dessen Direktor Johann Joachim Bellermann ausgezeichnete Lehrer und Geistesgrößen im Hinblick auf den anstehenden Befreiungskrieg versammelt hatte. Im Grauen Kloster entwickelte Jahn seine pädagogischen Fähigkeiten und erarbeite auf Basis der von Johann Christoph Friedrich Guts Muths bereits 1793 vertretenen Vorstellungen, daß die Körpererzeihung notwendiger Bestandteil einer allseitig harmonischen Erziehung sei, sein Turnkonzept [ 8].

Mit interessierten Schülern zog nun Friedrich Ludwig Jahn regelmäßig zum Turnen in die Hasenheide (Neukölln). 1811 wurde er Mitbegründer des ersten Turnvereins. Weitere sollten folgen. Jahn wurde Teil der von Gneisenau heimlich betriebenen Vorbereitungen zum Kampf gegen die Besatzung. Mit Unterstützung des Grauen Klosters warb er Soldaten für die Lützowschen Jäger, als deren Mitbegründer er galt und dessen 3. Bataillon er führte. Friedrich Ludwig Jahn war jedoch alles andere als ein Soldat, was dem hohen Ansehen das er genoß keinen Abbruch tat. Nach dem Krieg sandte Hardenberg ihn zum Wiener Kongreß und später nach Paris [ 9] [10].

Die überall in Deutschland entstehenden Turnvereine verbreiteten die Idee eines geeinten Deutschlands. Gleichzeitig wurden ähnlich freiheitlich national gesinnte studentische Verbindungen in Gießen, Marburg und Heidelberg gegründet. In Frankfurt/Main entstanden die Deutschen Gesellschaften (geführt von Wilhelm Snell und Karl Hofmann), die als Deutscher Bund mit Unterstützung Hardenbergs in Südwestdeutschland für ein von Preußen geführtes Deutschland warben [11]. Es war ein von Jahn begeisterter Anhänger, Robert Wesselhöft, ein Mitgründer der Burschenschaft in Jena, der am 11. August 1817 gemeinsam mit Scheidler, Horn und Riemann (den führenden Mitgliedern der Jenaischen Burschenschaft) zum Wartburgfest lud [12].

Karl August Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Karl August Großherzog von Sachsen-Weimar und preußischer Offizier, Logenbruder Johann Wolfgang Goethes, Vater des Schwiegersohnes von Nikolaus, Bruder des Kaisers von Rußland Alexander I. und Dienstherr des Freiherrn Ernst Christian August von Gersdorff, der auf dem Wiener Kongreß zu den engen Mitarbeitern Wilhelm von Humboldts zählte, verfügte als Sohn der Herzogin Anna Amalie zur Genüge über Klugheit und Geschick, seinem Staat eine Verfassung zu gewähren [13].

Die damit einhergehende Rede und Pressefreiheit wurde von den zumeist schwächeren Geistern seines Landes genutzt, wider die herrschenden Umstände und Autoritäten zu meckern. Professor Fries in der Nemesis bemühte sich eines gezügelten Tones, Hr. Martin im Neuen rheinischen Merkur eher nicht. Die Allgemeine Zeitung Nr. 244 vom 31.Aug. 1816 im Zusammenhang mit einem am 3. Aug. im Neuen rheinischen Merkur erschienen Aufsatz "Ein novellistisches Federballspiel": »Der ganze Artikel aber ist in einem so gemeinen, pöbelhaften Tone abgefaßt, daß selbst der Herausgeber des Neuen rheinischen Merkurs, Hr. geh. Justizrath Martin, der doch übrigens die Allgemeine Zeitung, oder wenigstens deren würtembergischen Artikel, sehr oft zur Zielscheibe seiner Angriffe wählt, sich bewogen fand, in einer Note den sonderbaren Vorbehalt beizufügen:... «. Martin entschuldigt sich mit vielen Worten, der Artikel sei von drei weiteren Zeitungen übernommen worden, »ein drolliges Zusammentreffen in den Augen jedes,..« aus Anlaß eines durchaus leeren »Hirngespinst«.

Professor Oken verunglimpfte seiner Zeitung Isis Opfer neben einem inflationären Gebrauch von Superlativen mit stigmatisierenden Grafiken (Eselsköpfe, Gänse, Juden- und Pfaffenköpfe...).
Seine "Leser sollten den Sinn und den Unsinn der Zeit, die Würde wie die Petulanz kennen lernen; selbst die Grobheit, die Lüge und Verleumdung schloß er nicht aus und befahl den Angegriffenen im Voraus, sich nur literarisch zu rächen." [14]

Doch Auseinandersetzungen wurden besonders unter den aus den Befreiungskriegen zurückgekehrten Studenten nicht nur verbal ausgetragen. Tod und Elend der Schlachten haben der jugendliche Süße des Studentenseins den des Leichengeruchs beigemengt. So wundert es nicht, daß Jena der Ort sein sollte, an dem am 12. Juni 1815 Studenten im Gasthaus »Grüne Tanne« ihre landsmannschaftlichen Fahnen niederlegten, um sich in der gesamtdeutschen »Burschenschaft« zu vereinen und daß ein asketischer Frauenfeind, Franzosenfresser, Lützowscher Jäger und altdeutscher Schwärmer in ungebleichtem Leinenrock Friedrich Ludwig Jahn Pate stand [15][16].

Die Burschenschaften.

Die Burschenschaft trat an mit dem Vorsatz: »Sichtbar muß auf den Universitäten das Volksgefühl in einer eigenen Bildung hervortreten, damit wir uns stets des gemeinsamen Vaterlandes erinnern... [17]«. Als Farben behielten sie gemäß des Turnvaters Rat die Farben der Lützowschen Jäger bei: Schwarz Rot Gold [18].

Radikaler gesinnt waren die Mitglieder der, aus der "Deutschen Gesellschaft" hervorgegangenen, Gießener Schwarzen [19]:

Brüder in Gold und Seid,
Brüder im Bauernkleid,
Reicht euch die Hand!
Allen ruft Deutschlands Not,
Allen das Herren Gebot.
Schlagt eure Plagen tot,
Rettet das Land!

Zur Feier des Jahrestages der Reformation und der Leipziger Völkerschlacht lud die Jenaer Burschenschaft in einem Rundschreiben an die 13 protestantischen Universitäten für den 17./18. Oktober 1817 zum Fest auf die Wartburg.

Es kamen 468 Studenten. Jede Universität hatte zumindest einen Abgesandten geschickt. Zudem kam ein Vertreter der Studenten der Freiberger Bergakademie und der Forstakademie Tharandt.

Der Student Riemann legte wenige Monate später ein Dokument vor, in dem die Grundsätze und Beschlüsse des Wartburgfestes festgehalten sind [20].

»Ein Deutschland ist, und ein Deutschland soll sein und bleiben.« Gewarnt wurde vor einem Bruderkrieg zwischen Nord- und Süddeutschland.
»Der Wille des Fürsten ist nicht Gesetz des Volkes, sondern das Gesetz des Volkes soll Wille des Fürsten sein.«
»Die Leibeigenschaft ist das Ungerechteste und Verabscheuungswürdigste... Der Mensch ist nur frei, wenn er auch die Mittel hat, sich selbst nach eigenen Zwecken zu bestimmen.«

Man forderte Rede und Pressefreiheit und erachtete es als »dringende Pflicht die Wahrheit laut zu sagen.« Deutsche Sitten wollte man einführen, was wohl nicht zuletzt durch die Entfremdung der Menschen, von den sich - in ihrem lange Zeit französischen Gehabe - von ihnen abgrenzenden Fürsten und nicht zuletzt durch das französische Regime, verursacht worden war.

Auf dem Burschentag vom 10.10.1818 in Jena wurde die Allgemeine Deutsche Burschenschaft gegründet. Auch ihre Farben waren Schwarz Rot Gold, zusätzlich noch versehen mit einem Eichenzweig. Ihr Wahlspruch: »Ehre, Freiheit, Vaterland [21]

Es hat von reaktionärer Seite, allen voran Metternich, seit dem Wartburgfest wiederholt Bemühungen gegeben, gegen die, von den Universitäten ausgehende, Bewegung für einen deutschen Nationalstaat vorzugehen. Was Preußen anbelangt, hatte König Friedrich Wilhelm III. es unterlassen, die versprochene Verfassung rechtzeitig zu erlassen. Maßgeblichen Anteil an der Verunsicherung des Königs, ob der Kurs seiner Reformer Hardenberg und Humboldt richtig sei, hatte die sich seit dem Tod Louises einschleimende Hofkamarilla, namentlich der Hugenotte Ancillon, die Gräfin Voß sowie Fürst Wittgenstein [22] [23].

Hinzu trat ein für das Bürgertum, d.h. die Wirtschaft desaströses Steuer- und Zollsystem, das innerhalb Preußens den freien Warenverkehr blockierte, und einen wachsenden Protest des Bürgertums hervorbrachte. Die Erarbeitung der Verfassung hatte der König in die Hände Hardenbergs gelegt. Zur Beseitigung der Binnenzölle (Zollgesetz vom 11. Juni 1816) und zur Vereinfachung des Steuerrechts (26. Mai 1818) verließ sich der König vor allem auf Humboldts Expertise [24].

Bevor beide Ergebnisse vorlegen konnten, hatte sich ein Teil der Studenten radikalisiert [25] und es trat eine, vor allem auf die Verfassung abzielende, bürgerliche Bewegung hinzu, die maßgeblich vom rheinischen Bürgertum, das von der liberalen Gesetzgebung Napoleons besonders profitiert hatte, getragen wurde [26]. Reformen sollten nun nicht mehr mit dem König durchgeführt werden, sondern gegen ihn [27].

Ancillon, Wiens Walzer in Berlin.

Das stärkte die Position der reaktionären Kamarilla am Hofe. Dennoch hielt Friedrich Wilhelm III. an Hardenberg fest.

Im Zusammenhang des, von Rußland im Herbst 1814 auf dem Wiener Kongreß vorgelegten, Memorandums zur Bildung der Heiligen Allianz, wurde das Schreckensbild einer Revolution gezeichnet, das der Scharfmacher Metternichs Gentz in den blutigsten Farben auszumalen wußte.

Von Wien aus wurden Gerüchte über Verschwörungen und beabsichtigte, gewaltsame Umstürze ausgestreut. Die Ermordung des erzkonservativen Schriftstellers Kotzebue durch den dem Kreis der "Unbedingten" angehörenden Karl Sand am 23. März 1819 kam den üblen Diplomatikern und Staatenaufstellern beim Umkrempeln Europas in der Fratze scheinbar restaurierter aristokratischer Herrschaft entgegen [28].

Friedrich von Gentz, der von England bezahlte Premier Secretaire au Congres de Vienne [29], ließ den Präsidenten der obersten Polizei und Zensurstelle in Wien Graf Josef von Sedlnitzky die Statuten und Protokolle der Burschenschaft drucken und geheim überall in Deutschland verteilen, um den Anschein zu erwecken, als stünden die Jakobiner schon bereit, dem Adel die Köpfe abzuschlagen. Anzunehmen, daß die kleine Gruppe radikalisierter Studenten, über das Vermögen verfügte, eine Revolution zu veranstalten, war und ist absurd [30].

Die auf dem Aachener Kongreß diskutierten Maßnahmen wurden auf der vom 6. bis 31 Aug. 1819 in Karlsbad tagenden Konferenz beschlossen und am 20. Aug. 1819 vom Bundestag gebilligt. Aus Frankreich tönt Kritik an den Karlsbadener Beschlüssen und Gentz versucht sich an einer Widerlegung. Varnhagen kommentiert: »...sein Aufsatz ist hochfahrend und leer; sehr armselig und schlecht für die Lesewelt berechnet, die sich so leicht nicht mit hohlen Redensarten abfinden läßt [31]

In Preußen paaren sich Dummheit mit Dreistigkeit: »Der Adel soll alles sein, zwischen Volk und König stehen, unabhängig von diesem und herrschend gegen jenes [32] Graf Goltz schrieb aus Paris von einem drohenden Umsturz, der französische König wurde von der Abgeordnetenkammer ausgepfiffen. In Preußen drängen die zu kurz gekommenen Offiziere zum Krieg [33].

Die "unabhängige" preußische Partei Fürst Wilhelm Ludwig von Seyn-Wittgenstein (Freund des britisch-hanoveranischen Ernst August, Herzog von Cumberland) samt Jean Pierre Frédéric Ancillon (Freund des Grafen Karl Johann Clam-Martinic, Chef der Militärsection im österreichischen Staatsrath) spalteten die preußische Regierung [34].

Hardenberg notierte »Ancillons Gutachten über die Karlsbader Sache. Sehr schlimm. Es ist die höchste Zeit. Entweder oder. Die Beamten, viele Offiziere, Lehranstalten angesteckt. Oberpräsident Merckel und Schön. Die Jugend wird verdorben...
...In der größten Gefahr stand ich allein mit dem königlichen Vertrauen. Nur weil ich allein konnte ich etwas leisten. Jetzt wieder. Der Kriegsminister ist fort. Ist viel, hilft aber nichts, wenn Beyme und Humboldt zusammenbleiben. B. und H. müssen dispensirt werden [35]

Auch Preußen stimmte den Karlsbadener Beschlüssen zu. Humboldt (zu dieser Zeit Minister für ständische Angelegenheiten) und Boyen (Kriegsminister), Großkanzler Beyme und General Grolmann traten dem mit dem Argument - der König von Preußen und mithin Preußen trete bei Zustimmung einen Teil seiner Souveränität ab - entgegen und wurden daraufhin entlassen. Hardenberg paßte sich, im Bestreben an der Macht zu überwintern, dem geänderten Klima an, um nach einer Stabilisierung der Lage seinen Verfassungsvorschlag verwirklichen zu können. Dazu kam es nicht. Hardenberg starb im Nov. 1822. Ein gutes halbes Jahr später am 5. Juni 1823 erließ der König das "Allgemeine Gesetz wegen Anordnung der Provinzialstände". Damit hatte in den Provinzialständen, die selbst über keine nennenswerten Rechte verfügten, der Adel das Sagen [36]?

Auch die klügeren deutschen Fürsten, wie etwa in Sachsen-Weimar, mußten sich, angesichts der Drohung, im Fall einer Weigerung, Bundestruppen auf sich zu ziehen, dem System Metternich beugen [37].

Das System Metternich bestand

Das Ende der Epoche.

Humboldt sah voraus, daß die Umsetzung der Karlsbader Beschlüsse unweigerlich zur Revolution führen müsse. Die Burschenschaften wurden zerschlagen, gründeten Tarngesellschaften und geheime Organisationen. Studenten, Professoren wurden verhaftet. Metternich etablierte sein Terrorregime in ganz Deutschland und sorgte unfreiwillig dafür, daß so die Idee: »Das ganze Deutschland soll es sein« erhalten blieb.

Am 26.3.1829 verstarb Humboldts Gattin. Kurz zuvor am 12. Febr. schrieb er an Goethe: »Das Zusammenleben mit meiner Frau war und ist die Grundlage meines Lebens, ich fühle mich daher in meinem Innersten angegriffen und zerstört [38]

Einer, der das nur zu gut nachempfinden konnte, war der König selbst. Wenige Wochen nachdem Humboldts Frau verstorben war, am 8. Mai 1829, wurde Humboldt zum Vorsitzenden einer Kommission für die Einrichtung des Staatlichen Museums ernannt. Am 15.9.1830 verlieh ihm König Friedrich Wilhelm III. den Schwarzen Adlerorden und berief ihn wieder in den Staatsrat [39].

Was die Folgen der Karlsbader Beschlüsse anbelangt, sollte Humboldt recht behalten. 1830 kam es in Preußen zu Unruhen. Die Helden und großen Geister von einst waren alt geworden, so sie denn überhaupt noch am Leben waren:

       image/svg+xml Königin Louise († 1810),
Scharnhorst († 1813),
Fichte († 1814),
Blücher († 1819),
Hardenberg († 1822),
Yorck († 1830),
Clausewitz († 1831),
Gneisenau († 1831),
Hegel († 1831),
Freiherr vom und zum Stein († 1831),
...

Eine neue Generation war gefragt, Preußen zu festigen, Staat und Menschen in Übereinstimmung zu bringen. Die so nah geglaubte deutsche Einheit ließ noch weitere 40 Jahre auf sich warten.

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Bezüge:

[A] Wilhelm von Humboldt: »Der Staat muss, in Absicht der Gränzen seiner Wirksamkeit, den wirklichen Zustand der Dinge der richtigen und wahren Theorie insoweit nähern, als ihm die Möglichkeit dies erlaubt, und ihn nicht Gründe wahrer Nothwendigkeit daran hindern. Die Möglichkeit aber beruht darauf, dass die Menschen empfänglich genug für die Freiheit, welche die Theorie allemal lehrt, dass diese die heilsamen Folgen äussern kann, welche sie an sich, ohne entgegenstehende Hindernisse, immer begleiten; die entgegenarbeitende Nothwendigkeit darauf, dass die, auf einmal gewähret Freiheit nicht Resultate zerstöre, ohne welche nicht nur jeder fernere Fortschritt, sondern die Existenz selbst in Gefahr geräth. Beides muss immer aus der sorgfältig angestellten Vergleichung der gegenwärtigen und der veränderten Lage und ihrer beiderseitigen Folgen beurtheilt werden [40]

[B] Heinrich von Treitschke: »Kaum war Pius VII. in die ewige Stadt zurückgekehrt, so stellte er am 7. August 1814 durch die Bulle Sollicitudo omnium ecclesiarum den Jesuitenorden wieder her und las selber die Messe im Gesù, vor dem Altar des heiligen Ignatius, dort wo der Meißel Le Gros' den Triumph der Kirche über die Ketzerei in prahlerischen Bildwerken verherrlicht hat. Als ihn Czar Alexander nachträglich einlud der Heiligen Allianz beizutreten, wies der Papst die schwerlich ernsthaft gemeinte Zumuthung mit dem ganzen Stolze des rechtmäßigen Weltherrschers zurück. Bald nachher wurden auch die Inquisition und der Index der verbotenen Bücher wieder eingeführt, die Bibelgesellschaften für Teufelswerk erklärt [41]«.

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Quellen:
[ 1] Obermann, Karl, Deutschland von 1813 bis 1849, Berlin 1976, S. 20
[ 2] Clark, Christopher, Preußen - Aufstieg und Niedergang, München 2008, S. 449
[ 3] Burg, Peter, Der Wiener Kongreß, München 1984, S. 82f
[ 4] Obermann, Karl, a.a.O. S. 20
[ 5] Günzel, Klaus, Die Heilige Allianz, Die Zeit vom 28.09.1990
[ 6] Bleyer, Alexandra, Das System Metternich, Darmstadt 2014, S. 61
[ 7] Wreden, Ernst Wilhelm, Grundriß der burschenschaftlichen Geschichte im Handbuch der Deutschen Burschenschaft 1998
[ 8] Streisand, Joachim, Deutschland 1789-1815, Berlin 1977 S. 191
[ 9] Weißpflug, Hainer, An einer Eiche lehrte er das Turnen, www.luise-berlin.de, aufgerufen am 11.06.2017
[10] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 385
[11] Wreden, Ernst Wilhelm, a.a.O.
[12] Kaupp, Peter, Aller Welt zum erfreulichen Beispiel, www.burschenschaft.de, aufgerufen am 11.06.2017
[13] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 403f
[14] ebd. S. 408
[15] ebd. S. 314
[16] Schmitt, Peter-Philipp, Zu Jena auf der Tanne, FAZ 13.06.2015
[17] Obermann, Karl, a.a.O., S. 48
[18] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 422
[19] ebd. S. 49ff
[20] Zitate entnommen Obermann, a.a.O., S. 50f
[21] Wreden, Ernst Wilhelm, Grundriß der burschenschaftlichen Geschichte im Handbuch der Deutschen Burschenschaften 1998
[22] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 462
[23] Obermann, Karl, a.a.O., S. 25
[24] Maskolat, Henny, Wilhelm von Humboldt 1767 - 1967, Halle 1967 S. 39 und S. 50f
[25] Wreden, Ernst Wilhelm, a.a.O.
[26] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 467
[27] Obermann, Karl, a.a.O., S. 56
[28] ebd. S. 53
[29] Günzel, Klaus, Der erste Sekretär Europas, Die Zeit vom 17.04.1992
[30] Obermann, Karl, a.a.O., S. 53
[31] Varnhagen von Ense, Karl August, Blätter aus der preussischen Geschichte Bnd. 1, Leipzig 1868, S. 7
[32] ebd. S. 5
[33] ebd. S. 19
[34] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 456
[35] Treitschke, Heinrich von, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert Zweiter Theil, Leipzig 1882, S. 638
[36] Clark, Christopfer, a.a.O., S. 464f
[37] Obermann, Karl, a.a.O., S. 53
[38] Freese, Rudolf, Wilhelm von Humboldt - Sein Leben und Wirken, 1953, S. 907
[39] Maskolat, Henny, a.a.O., S. 40
[40] Humboldt, Wilhelm von, Wilhelm von Humboldt's gesammelte Werke Bnd. 7, Berlin 1852, S. 185
[41] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 94

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