Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Hellas - Der Freiheit Trojanisches Pferd.

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Hellas, anderen Völkern Objekt imperialistischer Bestrebungen - den Osmanen ein Sprungbrett nach Europa, den Russen die Wiege ihrer orthodoxen Kirche (Byzanz, das II. Rom) und den Angelsachsen ein geostrategisch wichtiger Ort, die Handelsverbindungen ihrer Konkurenten zu kontrollieren - den deutschen Völkern aber Quelle persönlicher Bildung.

Helenen-deutsche Geister.

Wilhelm von Humboldt schrieb 1806 in 'Latium und Hellas oder Betrachtungen über das klassische Altertum': »Was diesen Eindruck [des Einklangs endlos mäandernder Erhabenheit und Lieblichkeit] hervorbringt, kann man die Behandlungsart der Alten nennen. Das Eigentümlichste dieser Behandlungsart nun ist: die menschliche Natur in ihrem individuellsten und einfachsten Wirkungen, bloß durch Läuterung und Zusammenhaltung, überall das Idealistische anspielen zu lassen;... [ 1]«

Der preußische Bildungsminister dichtet [ 2]:

Hellas
 
Zwei Dinge Hellas Phantasie-Gestalten
So tiefen Reiz für alle Zeiten geben:
Der Charitinnen ewig zartes Walten
Und Nemesis` nach strengem Maaßes Streben.

 

 
Der Nürnberger Schulrektor Georg Wilhelm Friedrich Hegel wirbt in seiner Rede zum Schuljahresabschluß am 29. September 1809 für sein Konzept eines humanistischen Gymnasiums:

»Es ist nötig, daß wir uns die Welt des Altertums erwerben, so sehr, um sie zu besitzen, als noch mehr, um etwas zu haben, daß wir verarbeiten. Um aber zum Gegenstande zu werden, muß die Substanz der Natur und des Geistes uns gegenübergetreten sein, sie muß die Gestalt von etwas Fremdartigem erhalten haben [ 3]

Wilhelm von Humboldt wie Georg Friedrich Wilhelm Hegel hielten die durch Goethe und Schiller populär gewordene Kultur der Helenen wertvoll genug, den Schüler und Studenten Preußens das abstrakte Denken näher zu bringen, um ihnen damit den Schlüssel in die Hand zu geben, der es ihnen erlaubt, sich eigenständig die ganze Welt zu erschließen.

Freiheit - auch für Griechenland.

Ihr mittlerweile tief begrabenes Denken birgt den Sprengstoff, der die Welt wie wir sie kennen in die Luft jagen wird. Damals, 1821, wagten die Griechen den Aufstand und zwar gegen die osmanische Oberherrschaft. Einer der Anführer war der russische General Alexander Ypsilanti, ehedem Adjutant des Kaisers von Rußland [ 4]. In den deutschen Staaten entwickelte sich zunächst unter den im Untergrund agierenden Burschenschaften, dann auch in großen Teilen des Bürgertums Sympathie für die Aufständischen. Es hieß für die Rettung des großen griechischen Kulturerbes einzutreten.

Von Ense schreibt: »Die Griechenversammlungen greifen immer kräftiger durch ganz Deutschland, überall bilden sich Vereine, überall sprechen sich Gesinnungen aus, und die öffentliche Meinung nachdem ihr der Ausbruch gegönnt worden, wächst unaufhaltsam und breitet sich gewaltig aus: Diese Flut ist nicht mehr zu beschränken.«

Das preußische Kultusministerium weist die Universitätsprofessoren darauf hin, daß die Spendensammlungen nur den Notleidenden, nicht den Kämpfern zugute kommen dürfe. Wollte man in Preußen wirklich sicherstellen, daß den Kämpfern keine Unterstützung zufloß, hätte man die Sammlungen verboten. Das wollte man nicht. Mit dem Rundbrief an alle Professoren erlaubte man die Sammelaktionen. Er mußte hierin den schwankenden Professoren geradezu Ermunterung sein, für die Griechen aktiv zu werden. Um jedoch den Richtlinien der Heiligen Allianz zu entsprechen, mußte das Kultusministerium offiziell jegliche Unterstützung für die "revolutionären Elemente" verbieten [ 5]. Ense am 20.11.1821: »Unglaublich! Gubitz hat im Gesellschafter bei einer Anzeige der Müller'schen Griechenlieder das Gedicht an den österreichischen Beobachter wieder abdrucken lassen. Und das läßt die Karlsbader Zensur geschehen! «

Schon 1821 gab es Bestrebungen (russisches Ultimatum an das Osmanische Reich, brit. Überlegungen zur Entsendung der Flotte) gegen das Osmanische Reich vorzugehen [ 6]. 1827 schlug die Flotte der Heiligen Allianz die osmanische Flotte und machte damit den Weg für ein unabhängiges Griechenland frei.

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Bezüge:
 
[A] Hegel in der Phänomenologie des Geistes : »Wodurch also das Individuum hier Gelten und Wirklichkeit hat, ist die Bildung. Seine wahre ursprüngliche Natur und Substanz ist der Geist der Entfremdung des natürlichen Seins. Diese Entäußerung ist daher ebenso Zweck als Dasein desselben; sie ist zugleich das Mittel oder der Übergang sowohl der gedachten Substanz in die Wirklichkeit als umgekehrt der bestimmten Individualität in die Wesentlichkeit. Diese Individualität bildet sich zu dem, was sie an sich ist, und erst dadurch ist sie an sich und hat wirkliches Dasein; soviel sie Bildung hat, soviel Wirklichkeit und Macht. Obwohl das Selbst als Dieses sich hier wirklich weiß, so besteht doch seine Wirklichkeit allein in dem Aufheben des natürlichen Selbsts; die ursprünglich bestimmte Natur reduziert sich daher auf den unwesentlichen Unterschied der Größe, auf eine größere oder geringere Energie des Willens. Zweck und Inhalt aber desselben gehört allein der allgemeinen Substanz selbst an und kann nur ein Allgemeines sein; die Besonderheit einer Natur, die Zweck und Inhalt wird, ist etwas Unmächtiges und Unwirkliches; sie ist eine Art, die sich vergeblich und lächerlich abmüht, sich ins Werk zu setzen; sie ist der Widerspruch, dem Besonderen die Wirklichkeit zu geben, die unmittelbar das Allgemeine ist [ 7]

[B] Hegel in der Rede zum Schuljahresabschluß vom 29. September 1809: »Sondern die Bildung muß einen früheren Stoff und Gegenstand haben, über den sie arbeitet, den sie verändert und neu formiert. Es ist nötig, daß wir uns die Welt des Altertums erwerben, so sehr, um sie zu besitzen, als noch mehr, um etwas zu haben, das wir verarbeiten. - Um aber zum Gegenstande zu werden, muß die Substanz der Natur und des Geistes uns gegenübergetreten sein, sie muß die Gestalt von etwas Fremdartigem erhalten haben. - [... ] - Für die Entfremdung, welche Bedingung der theoretischen Bildung ist, fordert diese nicht diesen sittlichen Schmerz, nicht das Leiden des Herzens, sondern den leichteren Schmerz und Anstrengung der Vorstellung, sich mit einem Nicht- Unmittelbaren, einem Fremdartigen, mit etwas der Erinnerung, dem Gedächtnisse und dem Denken Angehörigen zu beschäftigen. - Diese Forderung der Trennung aber ist so notwendig, daß sie sich als ein allgemeiner und bekannter Trieb in uns äussert. Das Fremdartige, das Ferne führt das anziehende Interesse mit sich, das uns zur Beschäftigung und Bemühung lockt, und das Begehrenswerte steht im umgekehrten Verhältnisse mit der Nähe, in der es steht und gemein mit uns ist. [... ] Es ist eine notwendige Täuschung, das Tiefe zuerst in der Gestalt der Entfernung suchen zu müssen; aber die Tiefe und Kraft, die wir erlangen, kann nur durch die Weite gemessen werden, in die wir von dem Mittelpunkte hinwegflogen, in welchen wir uns zuerst versenkt befanden und dem wir wieder zustreben. Auf diesen Zentrifugaltrieb der Seele gründet sich nun überhaupt die Notwendigkeit, die Scheidung, die sie von ihrem natürlichen Wesen und Zustand sucht, ihr selbst darreichen und eine ferne, fremde Welt in den jungen Geist hineinstellen zu müssen. Die Scheidewand aber, wodurch diese Trennung für die Bildung, wovon hier die Rede ist, bewerkstelligt wird, ist die Welt und Sprache der Alten; aber sie, die uns von uns trennt, enthält zugleich alle Anfangspunkte und Fäden der Rückkehr zu sich selbst, der Befreundung mit ihr und des Wiederfindens seiner selbst, aber seiner nach dem wahrhaften allgemeinen Wesen des Geistes. [... ] Mit diesem mechanischen Momente der Spracherlernung verbindet sich ohnehin sogleich das grammatische Studium, dessen Wert nicht hoch genug angeschlagen werden kann, denn es macht den Anfang der logischen Bildung aus, [... ] Die Grammatik hat nämlich die Kategorien, die eigentümlichen Erzeugnisse und Bestimmungen des Verstandes zu ihrem Inhalte; in ihr fängt also der Verstand selbst an, gelernt zu werden. Diese geistigen Wesenheiten, mit denen sie uns zuerst bekannt macht, sind etwas höchst Fassliches für die Jugend, und wohl nichts Geistiges [ist] fasslicher als sie; denn die noch nicht umfassende Kraft dieses Alters vermag das Reiche in seiner Mannigfaltigkeit nicht aufzunehmen; jene Abstraktionen aber sind das ganz Einfache. Sie sind gleichsam die einzelnen Buchstaben, und zwar die Vokale des Geistigen, mit denen wir anfangen, [um] es buchstabieren und dann lesen zu lernen. - [... ] Indem wir durch die grammatische Terminologie uns in Abstraktionen bewegen lernen und dies Studium als die elementarische Philosophie anzusehen ist, so wird es wesentlich nicht bloß als Mittel, sondern als Zweck - sowohl bei dem lateinischen als bei dem deutschen Sprachunterricht - betrachtet [ 3]
 

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Quellen:
[ 1] Humboldt, Wilhelm von, Ausgewählte Schriften, Berlin 1917, S. 44
[ 2] Wilhelm von Humboldt's gesammelte Werke Band 7, Berlin 1852 S. 482
[ 3] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Werke Band 4, Frankfurt 1845 S. 312ff
[ 4] Rimscha, Hans von, Geschichte Russlands, Darmstadt 1970, S. 428
[ 5]
Obermann, Karl, Deutschland 1815 - 1849, Berlin 1976, S. 57
[ 6] Varnhagen von Ense, Karl August, Blätter aus der preussischen Geschichte, Leipzig 1868, S. 360ff
[ 7]
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Phänomenologie des Geistes, Stuttgart 1987, S. 348f

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