Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Geheimdiplomatie 1877/78 [1]

Großmächte spielen mit anderen Völkern und deren Staaten und dieses Spiel heißt Krieg. So strebte Rußland im 19. Jahrhundert mit Macht gen Süden, zum Mittelmeer. Der Krieg gegen das Osmanische Reich von 1877/78 war die russische Generalprobe zum I. Weltkrieg.

Zunächst betreibt man eine diplomatische Rückversicherung, läßt sich die Neutralität konkurierender Staaten schon mal einen Landstrich des zu erobernden Gebietes kosten. Dann hetzt man kleine Staaten in den Krieg und eilt ihnen selbstlos zu Hilfe.

In diesem Fall erklärten Serbien und Montenegro dem Osmanischen Reich den Krieg. Rußland strebte mit dem Deutschen Reich ein Bündnis an, Bismarck ließ es abblitzen. Idee Rußlands: Wenige Jahre zuvor hatte sich das Deutsche Reich in einem Krieg gegen Österreich zur Selbständigkeit aufgeschwungen. Ein Bündnis mit dem Deutschen Reich war billiger als ein Stillhalteabkommen mit Österreich, da das Deutsche Reich keine Gebiete am Balkan für sich reklamieren würde. Plan B: Am 8.7.1876 einigen sich Andrassy und Gortschakow in Reichstadt über den Preis: Österreich-Ungarn erhält Bosnien-Herzegowina und bleibt im Krieg Rußlands gegen das Osmanische Reich neutral.

Am 24.4.1877 erklärt Rußland den Krieg. Das Osmanische Reich gibt sich ein Jahr später geschlagen und willigt in den Frieden von San Stefano ein. Rußland hatte sich mit hohen Verlusten bis an die Dardanellen herangekämpft und trifft nun auf die britische Flotte und auf eine österreichische Kriegsdrohung.

Die von Rußland beabsichtigte Errichtung eines bulgarischen Staates, der im Süden bis zur Ägäis reichen und im Osten Makedonien umfassen sollte stieß auf britischen Widerwillen. Der Balkan mußte ein politischer Trümmerhaufen bleiben, wegen der Balance of Power.

Geschickterweise überließen die Briten es Deutschland, sich bei den Russen unbeliebt zu machen. Zum Berliner Kongreß von 13.6.1878-13.7.1878 reiste England an, nicht ohne den Rest des Kongresses vor vollendete Tatsachen stellen zu können. 4.6.1877 Geheimabkommen mit dem Osmanischen Reich, Geld für den Sultan und die britische Unterstützung auf dem Kongreß im Austausch gegen Zypern, das an Großbritanien geht. 11.6.1877 Geheimabkommen mit Österreich-Ungarn.

Bismarck spielte den ehrlichen Makler, d.h. er bekniete Rußland das britisch-österreichische Ultimatum anzunehmen. Rußland stimmte zu. 1886 fiel es Bismarck ein bei den Russen wegen der Dardanellen auf den Busch zu klopfen. Er schickte den späteren Kaiser Wilhelm II. zum Zaren nach Brest-Litowsk, der dort einem Manöver der Armee beiwohnte. "Wenn ich Konstantinopel will, dann nehme ich es mir ohne den Fürsten Bismarck um Erlaubnis zu fragen", antwortet der Zar dem Kronprinzen Wilhelm. [2]

Ein russischer General der älteren, deutschfreundlichen Generation erzählte dem Kronprinzen: "Es ist dieser mißratene Berliner Kongreß. Ein sehr ernster Fehler des Kanzlers. Er hat die alte Freundschaft zwischen uns zerstört, Mißtrauen bei Hof und Regierung gesät und die Gefühle, angesichts des blutigen Feldzuges von 1877, tief verletzt. Deshalb suchen wir eine Revanche. Und darin sind wir auf einer Seite mit der verdammten Französischen Republik, die voll des Hasses und hinterlistiger Ideen gegen sie [die Deutschen, als dessen Vertreter Wilhelm angesprochen wurde; Anm.: TV] ist, die uns im Fall eines Krieges die Dynastie kosten wird." [3]

Am 3.8.1878 tritt der Berliner Vertrag inkraft. Am 19.8.1878 ziehen österreichische Truppen in Sarajevo ein.

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Quellen:
[1] Geiss, Immanuel (Hg.), Der Berliner Kongreß 1878 Protokolle und Materialien, Boppard am Rhein
[2] Wilhelm II., The Kaiser's Memoirs, New York, London, 1922 S. 15
[3] ebd.: S. 16f.

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