Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Camouflage - Versteckte Vorbereitungen des Befreiungskrieges.

Die Preußen von den Franzosen auferlegten Kontributionen in unbegrenzter Höhe lasteten schwer auf dem Land. 1808 wurde Prinz Wilhelm nach Paris entsandt um über eine Reduzierung der Belastungen zu verhandeln. Das im Größenwahn befangene Frankreich demütigte Preußen einmal mehr und einmal zuviel. Statt einer Reduzierung wurde Preußen mit zusätzlichen Lasten beladen. Freiherr vom und zum Stein dachte darüber nach, wie man den Aufstand gegen die Franzosen organisieren konnte ohne deren Argwohn zu erwecken[ 1].
Blücher mußte man nicht bitten, er stellte widerrechtlich seine eigene Truppe zusammen und mußte auf Drängen der Franzosen entlassen werden. Schill tat es ihm gleich, nahm aber mit seinem Trupp den Kampf gegen die Besatzer auf und bezahlte dies mit seinem Leben. Gneisenau beförderte kaum merklich die Vorbereitungen zum Aufstand.

Die Reorganisation der Armee

Generalmajor von Scharnhorst konzipierte und sein Mitarbeiter Hermann von Boyen führte 1808 das Krümpersystem, um in Umgehung der Friedensbedingungen, die Anzahl der Soldaten über der Preußen zugestandenen halten zu können, ein. Im Tilsiter Frieden war die Präsenzstärke der Preußischen Armee auf 42 000 Mann beschränkt worden. Scharnhorst und Boyen umgingen dies Diktat, indem sie ein stehendes Heer von 30000 bis 35000 Mann unterhielten, das von kurzfristig eingezogenen Rekruten (die nach ihrer Ausbildung sofort wieder entlassen wurden, um so die Ausbildung weiterer Rekruten zu ermöglichen) ergänzt wurde [ 2].

Clausewitz über Scharnhorst: »Die Hauptzwecke, welche er sich bei der Reorganisation der Armee vorsetzte, waren:

  1. Eine der neuen Kriegsart entsprechende Eintheilung, Bewaffnung und Ausrüstung.
  2. Veredlung der Bestandtheile und Erhebung des Geistes. Daher die Abschaffung des Systems der Anwerbung von Ausländern, eine Annäherung an die allgemeine Verpflichtung zum Kriegsdienst, Abschaffung der körperlichen Strafen, Einrichtung guter militairischer Bildungs-Anstalten.
  3. Eine sorgfältige Auswahl derjenigen Offiziere, welche an die Spitze der größeren Abtheilungen gestellt wurden. Das Dienstalter, welches bis dahin in der preußischen Armee eine allzugroße Herrschaft ausgeübt und derselben ihre Führer gegeben hatte, wurde in seinen Rechten beschränkt [...]
  4. Neue der heutigen Kriegsart angemessene Uebungen [ 3].«.

Der Tugendverein.

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte stellt in den Reden an die Nation seine Philosophie in den Dienst der Bildung eines deutschen Nationalstaates. Für ihn ist klar, daß nur ein freier Mensch in der Lage sein kann für die Befreiung eines Staates von der Fremdherrschaft zu kämpfen. Einen hohen Stellenwert mißt er der auf Liebe gründenden sich wechselseitig ergänzenden körperlichen wie geistigen Erziehung bei.

»Dieses [ein dem Wesen der physischen Entfaltung entsprechendes ABC] müßte erst geliefert werden, und zwar bedarf es dazu eines Mannes, der, in der Anatomie des menschlichen Körpers und in der wissenschaftlichen Mechanik auf gleiche Weise zu Hause mit diesen Kenntnissen ein hohes Maß philosophischen Geistes verbände, und der auf diese Weise fähig wäre, in allseitiger Vollendung diejenigen Maschine zu finden, zu der der menschliche Körper angelegt ist, und anzugeben, wie sie Maschine allmählich, also daß jeder Schritt in der einzig möglichen richtigen Folge geschähe, durch jeden alle künftigen vorbereitet und erleichtert, und daher die Gesundheit und Schönheit des Körpers und die Kraft des Geistes nicht nur nicht gefärdet, sondern sogar erhöht würde, wie, sage ich, auf diese Weise diese Maschine aus jedem gesunden Körper entwickelt werden könne. Die Unerläßlichkeit deses Bestandteils für eine Erziehung, die den ganzen Menschen zu bilden verspricht und die besonders für eine Nation sich bestimmt, welche ihre Selbständigkeit wieder herstellen und fernerhin erhalten soll, fällt ohne weitere Erinnerung in die Augen[ 4].«.

Fichte hielt große Reden. Doch nicht nur. Er nutzte seine Verbindungen zu den Freimaurern eine Art philosophischer Loge ins Werk zu setzen. Das gelang ihm zwar nicht, doch seine Ideen wurden von anderen aufgegriffen. Briefe aus Aus- und Inland veranlaßten Freimaurer in Königsberg über die Gründung eines Vereins nachzudenken, der zur Hebung des nationalen Gedankens und Wehrhaftigkeit beitragen sollte [ 5] [ 6].

Professor Lehmann verfasste die Grundartikel der Verfassung des Vereins, als dessen Gründungsmitglieder neben Lehmann, Major v. Both, v. Tepper, Velhagen, Jahnke, Leutenant v. Hannsen, Leutenant Schmidt, Kapitän v. Creilsheim, und v. Sikorski gelten. Die Gründung des Tugendvereines bzw. der Gesellschaft zur Hebung öffentlicher Tugenden fand am 16. April 1808 statt.

Der Verein verfolgte drei Ziele [ 7]:

  1. Eintritt in die Schützengilde, um sie ggf. in den Dienst des Königs stellen zu können
  2. Herausgabe einer Zeitschrift, des Volksfreund, "den Sinn des Volkes zu stimmen" und
  3. öffentliche Armenspeisungen.

Der Verein sucht um Autorisierung durch den König nach, die auch erfolgte [ 8]:
 

Kabinets-Bescheid d. d. Königsberg, den 13. Juni 1808.
 
An
den Professor Lehmann, Major v. Both, Kriegsrath
Velhagen, Rektor Chifflard und Assessor Bardeleben.

 
Die Belebung von Sittlichkeit, Religiosität, ernstem Geschmack und Gemeingeist ist alledings sehr löblich; und insofern die unter dem Namen eines Tugendvereins entstehende Gesellschaft sich hiermit ganz in den Grenzen der Landesgesetze und ohne alle Einmischung in Politik und Staatsverwaltung beschäftige, billigen Seine Königl. Majestät von Preußen den Zweck und die Verfassung der Gesellschaft.
Dies eröffnen Allerhöchstdieselben den Vorstehern des Vereins: Lehmann, v. Both, Velhagen, Chifflard und Bardeleben auf ihre Eingabe vom 18. d. M., in der Erwartung, daß sie jede Ausartung der Gesellschaft, welche sogleich ihre Auflösung herbeiführen würde, vermeiden werden, und haben sie ein Verzeichnis ihrer Mitglieder nicht allein jetzt, sondern auch vierteljährlich einzureichen.

Friedrich Wilhelm        

 

Gleich zu Beginn seiner Existenz nahm der Tugendverein Verbindung zu Gneisenau und Scharnhorst auf. Der Volksfreund gab Gneisenau 1808 die Möglichkeit seine Vorstellungen zur Abschaffung des friderizianischen Militärwesens in seinem Aufsatz Freiheit des Rückens einem breiteren Publikum darzulegen. Scharnhorst nutzte das Blatt über den Aufsatz Gedanken zur Bildung einer Armee aus lauter Landeskindern die Bildung einer Volksarmee zu propagieren [ 9]. 1809 kam es in Deutschland zu einem mißglückten Aufstand gegen die Franzosen. Napoleons Polizei ging gezielt gegen die Mitglieder des Tugendbundes vor, dessen Auflösung durch König Friedrich Wilhelm III. einer völligen Zerschlagung zuvor kam. Das vom Tugendbund aufgebaute Netzwerk sollte fortbestehen und im bevorstehenden Befreiungskrieg eine wichtige Rolle spielen [10].

Die Turnbewegung.

Johann Christoph Friedrich Guts Muths vertrat bereits 1793 die Vorstellung, daß die Körpererziehung ein notwendiger Bestandteil einer allseitig harmonischen Erziehung wäre, was in jüngster Zeit durch die moderne Hirnforschung mehr als bestätigt wurde. 1808 propagierte der von Stein, Scharnhorst und Gneisenau begünstigte Tugendverein Unterricht in Gymnastik und Kriegskunst für alle.
Im Vorwort seiner Verfassung findet sich als §12 [11]:
 
§. 12. Demnach beschäftigt sich der Verein vorzüglich mit Verbesserung der Erziehung nach folgenden Gesichtspunkten:
a) Die Einsichten der Jugend sollen mehr, als bis jetzt geschehen auf das Allgemeine, zur Beurtheilung ihrer Pflichten gegen das Vaterland und der Vorzüge feiner Verfassung, gerichtet werden.
b) Das Gemüth der Jugend soll von dem ersten Unterricht an, durch Erweckung und Schärfung des religiösen und des Kunstsinnes zur kräftigen Menschheit empor gehoben werden.
c) Die Gymnastik soll in den regelmäßigen Unterricht öffentlicher Schulen aufgenommen werden.
d) Es soll eine zweckmäßige und vollständige Unterweisung in der ganzen Kriegskunst und Wissenschaft als wesentlicher Theil, erst der Gymnastik, dann der theoretischen und praktischen Mathematik, in den Unterrichtsplan aller öffentlichen Schulen aufgenommen, in den untern Klassen mit dem Exerziren angefangen, solches auch bis zur höchsten Vollkommenheit fortgesetzt, mit dem Unterricht in Taktik und Strategik aber der Kursus auf hohen Schulen dergestalt geschlossen werden, daß Niemand sich diesem Unterricht entziehen kann, wenn er gleich sich für andre Wissenschaften, als Theologie u. s. w. vorzüglich auszubilden sucht.

 
Der Turnunterricht wurde im Zuge der humboldt-süvernschen Bildungsreform [A] als Wahlfach in den preußischen Gymnasien angeboten.

Friedrich Ludwig Jahn, das Lehramt anstrebend, scheiterte 1810 bei Ablegung der nun verpflichtend gewordenen Lehrerprüfung, wurde aber dennoch durch Wilhelm von Humboldt dem Seminar für Gelehrte Schulen am Grauen Kloster zugewiesen. Dessen Direktor, Johann Joachim Bellermann versammelte ausgezeichnete Lehrer und Geistesgrößen der Zeit im Hinblick auf den anstehenden Befreiungskrieg. Friedrich Ludwig Jahn hatte auf sich durch eine gemeinsam mit Friedrich Friesen verfasste Ausarbeitung für den geheimen Deutschen Bund mit Überlegungen zur Gründung einer deutschen Burschenschaft (dh. einer einzigen und zwar deutschen Studentenverbindung) zur Hebung von Moral und "deutschem Sinn" aufmerksam gemacht [12]. Im Grauen Kloster entwickelte er seine pädagogischen Fähigkeiten und erarbeite auf Basis der von Guts Muths vertretenen Vorstellungen sein Turnkonzept [13].

Mit interessierten Schülern zog nun Friedrich Ludwig Jahn täglich zum Turnen in die Hasenheide (Neukölln). 1811 wurde er Mitbegründer des ersten Turnvereins. Weitere sollten folgen. Jahn wurde Teil der von Gneisenau heimlich betriebenen Vorbereitungen zum Kampf gegen die Besatzung. Mit Unterstützung des Grauen Klosters warb er Soldaten für die Lützowschen Jäger, als deren Mitbegründer er galt und dessen 3. Bataillon er führte. Friedrich Ludwig Jahn war jedoch alles andere als ein Soldat, was dem hohen Ansehen das er genoß keinen Abbruch tat. Nach dem Krieg sandte Hardenberg ihn zum Wiener Kongreß und später nach Paris [14] [15].

Die überall in Deutschland entstehenden Turnvereine verbreiteten die Idee eines geeinten Deutschlands. Gleichzeitig wurden ähnlich freiheitlich national gesinnte studentische Verbindungen in Gießen, Marburg und Heidelberg gegründet. In Frankfurt/Main entstanden die Deutschen Gesellschaften (geführt von Wilhelm Snell und Karl Hofmann), die als Deutscher Bund mit Unterstützung Hardenbergs in Südwestdeutschland für ein von Preußen geführtes Deutschland warben [16].

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Bezüge:

[A] Professor Johann Wilhelm Süvern am 14.07.1808 [17]: »Die guten Absichten desselben [des Tugendvereins] verkenne ich so wenig, als ich im ganten abgeneigt bin, ihm beizutreten. Für jetzt indessen werde ich durch gewisse Umstände verhindert, der schmeichelhaften Aufforderung zur Teilnahme nachzukommen. Doch werde ich nie unterlassen, in meinem Wirkungskreise die Zwecke desselben, so weit es mir möglich ist, zu fördern, bis es mir selbst möglich ist, beizutreten.«
Im Juli 1808 wechselte Süvern in die interimistische oberste preußische Staatsverwaltung. Ab Januar 1809 war er Staatsrat in der Sektion für den Kultus und öffentlichen Unterricht der III. Abteilung des neuen Innenministeriums, zuständig für die Gymnasien.

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Quellen:
 
[ 1] Fenske, Hans, Freiherr vom Stein - Reformer und Moralist, Darmstadt 2012 S. 58f
[ 2] www.preussenchronik.de, Krümpersystem, Aufgerufen am 22.4.2016
[ 3] Clausewitz, Carl von, Ueber das Leben und den Charakter von Scharnhorst, Berlin 1832, S. 7
[ 4] Hg.: Vogt, Theodor, Reden an die deutsche Nation, Langensalza 1881, S. 210
[ 5] Stettiner, Paul, Der Tugendbund, Königsberg i. Pr. 1904, S. 9
[ 6] Lehmann, August, Der Tugendbund, Berlin 1867, S. 46
[ 7] ebd. S. 53f
[ 8] ebd. S. 88f
[ 9] ebd. S. 54
[10] Streisand, Joachim, Deutschland 1789-1815, Berlin 1977, S. 190
[11] Lehmann, August, a.a.O., S. 153
[12] Wreden, Ernst Wilhelm, Grundriß der burschenschaftlichen Geschichte im Handbuch der Deutschen Burschenschaft 1998
[13] Streisand, Joachim, a.a.O., S. 191
[14] Weißpflug, Hainer, An einer Eiche lehrte er das Turnen, www.luise-berlin.de, aufgerufen am 11.06.2017
[15] Treitschke, Heinrich von, a.a.O., S. 385
[16] Wreden, Ernst Wilhelm, a.a.O.
[17] Stettiner, Paul, a.a.O., S. 9

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