Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Björkö

Reichskanzler Bismarck wählte für die ersten außenpolitischen Gehversuche des Kronprinzen Wilhelm, ein Enkel der englischen Königin Victoria, Rußland aus. Besonders zu seinem Vetter Nikolaus II. entwickelte der Kronprinz und spätere Kaiser Wilhelm II. eine weitreichende Beziehung [1].

Diese verhalf ihm zu einem unerwarteten diplomatischen Erfolg.

1901 bietet England Deutschland ein gegen Rußland gerichtetes Abkommen an. Deutschland lehnt ab, weil es die Verpflichtung scheut, Englands Interessen in Asien gegen Rußland militärisch durchsetzen zu müssen [2].

Japan wird die Deutschland zugedachte Rolle übernehmen. Am 30.1.1902 wird der britisch-japanische Bündnisvertrag [5] unterzeichnet und im Jahre 1904 greift Japan Rußland an. Der Kaiser setzte sich persönlich dafür ein, der russischen Flotte das Recht einzuräumen sich an deutschen Bunkerstationen mit Kohle zu versorgen.

Zwei Monate nach dem japanischen Angriff (7.2.1904) schloß England mit Frankreich ein Bündnis (Entente 8.4.1904) ab. Dem Kaiser gelang es Nikolaus II. davon zu überzeugen, daß dieser Vertrag die Franzosen daran hindern solle, ihren russischen Verbündeten Hilfe zu leisten.

Rußland verliert den Krieg (29.08.1905 Friedensvertrag mit Japan) und schlittert in eine innenpolitische Krise (Revolution von 1905). Deutschland unterbreitet Rußland ein Bündnisangebot, das den gegenseitigem Beistand im Fall eines Angriffes auf den Bündnispartner vorsah.
Während der Verhandlungen in Björkö mußte der Kaiser den Gültigkeitsbereich des Vertrages auf Europa einschränken. Rußland sollte Frankreich ebenfalls zum Beitritt bewegen.
Zar Nikolaus II. unterschrieb diesen Vertrag. Der Kaiser war begeistert und Bülow drohte mit Rücktritt, falls der nun auf Europa eingeschränkte Vertrag angenommen werden würde [3].

Bülow wußte von der Entente, Bülow wußte von dem Französisch-Rußischen Vertrag, Bülow wußte von dem Italienisch-Französischen Vertrag und Bülow sollte die Isolation des Deutschen Reiches nicht wahrgenommen haben, die aufzubrechen als Möglichkeit nun zum Greifen nahe schien? Warum verwendete Bülow mit der Rücktrittsdrohung sein äußerstes Druckmittel, wohingegen er den Vertrag des deutschen Bündnispartners Italien mit dem Erzfeind Frankreich 1902 vor dem Reichstag mit den Worten:»In einer glücklichen Ehe« müsse »der Gatte nicht gleich einen roten Kopf bekommen, wenn seine Frau einmal mit einem anderen eine unschuldige Extratour tanzt« als Lapalie abtat?

Rußland war seit 1893 mit Frankreich verbündet. Es, d.h. der Staat selbst aber auch seine Eliten, waren bis über beide Ohren bei Frankreich und Großbritannien verschuldet. »Das deutsche und deutschfreundliche Element am russischen Hofe, in der Regierung und Diplomatie verschwand mehr und mehr, an Stelle der Nesselrode, Cancrin, Berg, Schuwalow usw. waren die Ignatiew, Iswolski, Tscharikow, Sasonow getreten.« [4] Es nimmt also nicht wunder, daß die Entscheidung des Zaren von seiner eigenen Regierung desavouiert wurde, wodurch er sich gezwungen sah, die Unterschrift unter dem Vertrag von Björkö zurückzunehmen.

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Fortsetzung.

Vertrag zwischen Rußland und Deutschland (sogen. Vertrag von Björkö.) [6]

 
Ihre Kaiserl. Majestäten der Kaiser von Rußland einerseits und der Deutsche Kaiser andererseits vereinbarten, um den Frieden in Europa zu sichern, folgende Punkte eines Traktats über ein Schutz- und Trutzbündnis.
 
Punkt 1: Im Fälle eines Angriffes auf eines der beiden Reiche seitens einer europäischen Macht verpflichtet sich jeder Verbündete, mit allen seinen Land- und Seestreitkräften dem andern Hilfe zu leisten.
 
Punkt 2: Die hohen vertragschließenden Parteien verpflichten sich, keinen Separatfrieden mit einem gemeinsamen Gegner zu schließen.
 
Punkt 3: Der gegenwärtige Vertrag erlangt seine Kraft von dem Augenblick an, an dem zwischen Rußland und Japan ein Frieden vereinbart sein wird, und er bleibt in Kraft. solange derselbe nicht mit einjähriger Frist gekündigt worden ist.
 
Punkt 4: Nachdem dieser Vertrag in Kraft getreten sein wird, unternimmt es der Kaiser aller Reußen, Frankreich mit seinem Inhalt bekannt zu machen und ihm den Vorschlag zu unterbreiten, sich dem Vertrage der Bundesgenossen anzuschließen.
 
(Unterschrieben): Wilhelm.                      Nikolaus.
(Gegenzeichnung): v.Tschirsky u. Bögendorff.    Birilew.
 
(Iswestija vom 29. Dezember 1917.)

 

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Quellen:
[1] Clark, Christopher, Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, München 2000 S. 25
[2] Kaiser Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1818, Leipzig, Berlin 1922 S. 88
[3] Clark, Christopher, a.a.O. S. 190
[4] von Jagow, Gottlieb, Ursachen und Ausbruch des Weltkrieges, Berlin 1919, S. 17
[5] ebd.: S. 35
[6] Auswärtiges Amt, Dokumente aus den russischen Geheimarchiven, Berlin 1918 S. 20

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