Zur deutschen Geschichte
 
Unter der Schellenkappe geschrieben: Vorwort

Drei Preußen: Behring, Helmholtz, Schering.

Preußens Elite entstammte nicht selten provinziellem Bürgertum oder schlimmerem, was ohne dem seiner Zeit weit überlegenen Bildungssystem nicht möglich gewesen wäre.

Emil von Behring.

Um 1860 müht sich ein armer Dorfschullehrer in Hansdorf, Westpreußen seine 12 Kinder über die Runden zu bringen. Er hat keinerlei Aussichten auf eine berufliche Beförderung. Wer als Dorfschullehrer anfängt, stirbt als Dorfschullehrer (erst 1889 unter Regentschaft Kaiser Wilhelm II. wurde auch für Volksschullehrer eine Laufbahn eingerichtet, die ihnen bei Eignung eine Beförderung und ein höheres Einkommen zubilligte). Der Dorfschullehrer hieß Georg August Behring. Sein Sohn Emil durchlief das preußische Bildungssystem und krönte seine Karriere 1901 mit dem Nobelpreis für Medizin. Die preußische Bildungsreform war 1810 angetreten, jedem Kind den Schulbesuch bis zum Studium zu ermöglichen. Die jungen Frauen sollten allerdings noch gut 100 Jahre warten müssen, um auch an den Universitäten Aufnahme zu finden. Gewiß hatte Emil einen Elitekindergarten, nämlich den Dreck des westpreußischen Sandkastens, und eine Eliteschule, die preußische Dorfschule und ähnliche exklusive Einrichtungen, besucht, um dann, in der angenehmen intellektuellen Athmosphäre der preußischen Armee, seine geistigen Fähigkeiten zu perfektionieren.

Das preußische Gymnasium hatte je nach Klasse 28 bis 32 Wochenstunden, wovon 8 bis 12 für Latain und Deutsch (2 Std. bei Bedarf auch mehr Deutsch ) abgehalten wurde. Zwei Stunden Singen und zwei Std. Turnen, zwar freiwillig aber immerhin gleichviel wie für Mathematik veranschlagt wurde. 6 Std. wurden in Altgriechisch gegeben. Was hier deutlich wird ist, ein vollkommen anderes Herangehen an Bildung und Erziehung. Der Schüler wird nicht mit Informationen überflutet. Er bleibt intakt! Mehr noch, 18 Stunden Latein und Altgriechisch, in denen der Schüler die alten Kulturen näher gebracht bekommt.

1874 erhält Emil Behring ein Stipendium des Preußischen Staates, das es ihm - gegen eine Dienstverpflichtung auf acht Jahre - ermöglicht, an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Akademie ein Medizinstudium zu absolvieren. 1878 promoviert Behring. Zu dieser Zeit sterben in Preußen jährlich 25000 Säuglinge und Kinder unter drei Jahren an Diphtherie. Diphtherie ist die häufigste Todesursache bei Kindern zwischen drei und fünf Jahren.

Kindersterblichkeit in Preußen halbiert.

Nachdem Behring seiner Dienstverpflichtunggegenüber dem Militär nachgekommen ist, beginnt er mit Milzbrandbakterien zu arbeiten und entdeckt, daß bei einigen älteren Ratten eine Imunisierung stattgefunden haben müsse. 1889 arbeitet Behring am Berliner Institut für Infektionskrankheiten und entwickelt in Zusammenarbeit mit Shibasaburo Kitasato ein Antitoxin zur Behandlung der Diphtherie, das 1894 in großem Maßstab von den Hoechst-Werken in Frankfurt hergestellt werden konnte. Paul Ehrlich übernahm die undankbare Arbeit die Dosierung des Serums in Abhängigkeit von Alter, Gewicht und Erkrankungsgrad des Kindes zu berechnen. Daß die Kindersterblichkeit in Preußen halbiert werden konnte, verdanken die Menschen Behring nicht weniger als dem preußischen Staat. Ein Serum, das zu bezahlen das Geld fehlt, hat keinen Nutzen.

1901 wird Behring in den erblichen Adelsstand erhoben. 1904 gründet er in Marburg an der Lahn die Behring-Werke. Emil von Behring in Armut herangewachsen, sorgte dafür, daß ihm dies Schicksal kein zweites Mal ereilen sollte. In Marburg entwickelt er ein Serum gegen den Wundstarrkrampf (Tetanus) und arbeitet an einer aktiven Schutzimpfung gegen Diphtherie, die er 1913 vostellen kann. Im Hungerjahr 1917 stirbt Behring im Alter von 63 Jahren an Lungenentzündung. Ein Serum gegen den Krieg läßt bis heute auf sich warten.

Hermann von Helmholtz.

Materiell etwas besser gestellt als ein westpreußischer Volksschullehrer war der potsdamer Gymnasiallehrer Ferdinand Helmholtz. Seine drei Kinder fraßen ihm zwar nicht die Haare vom Kopf, doch hatte er Grund genug, sich um seinen 1821 geborenen kränklichen Sohn Hermann zu sorgen. Oft nicht in der Lage das Zimmer zu verlassen, zuweilen bettlägrig, vertrieb sich der kleine die Zeit mit Holzbausteinen. Hermann absolvierte die Volksschule des Potsdamer Schullehrerseminars, wechselte auf das Gymnasium "Große Stadtschule" in Potsdam, an dem sein Vater tätig war und endete, da auch sein Vater ein Studium zu finanzieren nicht in der Lage war, an der Preußischen Militärakademie (die Berliner Kaiser-Wilhelm-Akademie hic!).

Hermann ließ sich auf der Militärakademie von den Biergelagen, von Musik und Kartenspiel seiner Kommilitonen nicht beeindrucken und ergänzte das mit 42 Wochenstunden eh schon breit angelegte Medizinstudium durch private mathematische und philosophische Studien. Seine Dienstverpflichtung zum Militärarzt konnte er dank Fürsprache Alexander von Humboldts vorzeitig beenden.

Hermann Helmholtz wandte den Energieerhaltungssatzes auf Lebewesen an und führte den Begriff der freien Energie ein. Er wies den Ursprung der Nervenfasern aus Ganglienzellen nach. Im gelang es 1852 die Fortpflanzungsgeschwindigkeit von Nervenerregungen zu messen. Im Bereich Hydrodynamik arbeitete er über das Verhalten von Wirbeln in reibungsfreien Flüssigkeiten. Ein Thema das ihn zur Elektrodynamik und zur Meteorologie führte. Letzteres ließ ihn zum Begründer der wissenschaftlichen Meteorologie werden. Der aus seinen Studien zur Akustik entstandene Resonator, wird heute z.B. bei Porsche zur Optimierung des Ladeverhaltens von Verbrennungsmotoren eingesetzt. In der Mathematik entwickelt Helmholtz ein partielles Differential die Helmholtz-Gleichung:

Δφ + k² φ = 0

Δ ist dabei der Laplace-Operator.

Helmholtz, Foerster und Siemens war es zu verdanken, daß sich Preußen 1882 dazu entschloß ein "Institut für die experimentelle Förderung der exakten Naturforschung und Präzisionstechnik" zu gründen, für das der Reichstag allerdings erst im Frühjahr 1887 die Mittel bewilligte. Das Institut erhielt den Namen: Physikalisch-Technische Reichsanstalt. Der erste Präsident war der 1883 in den Adelsstand erhobene Hermann von Helmholtz. Auch er in mageren Jahren aufgewachsen, sicherte sich seinen Lebensunterhalt nun reichlich mit einem Jahressalär von 24000 Mark (den aktuellen Goldpreis zugrunde gelegt etwas mehr als 400000 Euro).

Erst 13 Jahre später entstanden mit dem National Physical Laboratory in England und 14 Jahre später mit dem National Bureau of Standards in den USA vergleichbare Institute.

Ernst Christian Friedrich Schering.

1824 wurde Ernst Schering als Sohn eines Gastwirtes in Prenzlau geboren. Auf Drängen seines Vaters, mußte Ernst Schering eine Apothekerlehre beginnen. Sein älterer Bruder - er hatte es zum Regierungsbeamten gebracht - war in der Lage die Ausbildungskosten zu übernehmen. Als Apothekergehilfe arbeitete Ernst Schering in verschiedenen Städten, bis er schließlich in Berlin Pharmazie studierte. Sein Staatsexamen legte er 1850 ab. Schon früh entwickelte er seine Idee möglichst reine Medikamente herzustellen. 1851 setzte er seine Pläne um und eröffnete in Berlin die "Grüne Apotheke". 1855, auf der Pariser Weltausstellung, wurde Schering für die Herstellung seiner pharmazeutischen Produkte mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet.

Während des deutsch-französischen Krieges (1870/71) versorgte Schering die preußischen Truppen mit Medikamenten. Als Anerkennung wurde ihm der Rote Adlerorden und der Titel eines Königlichen Kommerzienrates verliehen. Die rege Nachfrage nach seinen Produkten veranlassten Schering zum Bau einer Fabrik, Grundstein der späteren "Chemischen Fabrik auf Actien".

     ....Sozialleistungen, die erst Jahre später in Preußen obligatorisch wurden, in unseren modernen Zeiten jedoch wieder infrage gestellt werden.

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Quellen:
 
[1] Gensthaler, Brigitte, Emil von Behring - Kantig, kreativ und genial, http://www.pharmazeutische-zeitung.de Ausgabe 13/2017
[2] Coordes, Gesa, Emil von Behring - Ein schwieriger Retter http://www.aerztezeitung.de vom 31.03.2017
[3] Enke / Grundmann, Emil von Behring (1854-1917), https://www.uni-marburg.de vom 09.02.2013
[4] Hermann von Helmholtz auf http://www.chemie.de/lexikon/Hermann_von_Helmholtz.html Stand vom 5.5.2017
[5] Eckart / Gradmann Hermann Helmholtz und die Wissenschaft im 19. Jahrhundert, Spektrum der Wissenschaft 12 / 1994, Seite 100
[6] Helmholtz, Hermann von, Tischrede gehalten bei der Feier des 70. Geburtstages, Berlin 1891
[6] Ernst Schering-Gründer eines Weltunternehmens DAZ 2009, Nr. 51, S. 116, 17.12.2009
[7] Kuhrt, Aro, Die Geschichte von Schering, http://www.berlinstreet.de vom 14. Dezember 2010

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